Diabetes - Was tun im Notfall?

Im Notfall

Unter der gebührenfreien Notrufnummer 112 sind Polizei, Feuerwehr und Notarzt in jedem EU-Mitgliedstaat von allen Festnetz- und Mobiltelefonen erreichbar.

Eine Übersicht weiterer Notrufnummern findet sich auf der Website des Mitmachportals "Noch offen". Der Betreiber übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben.

Blutzuckermessung
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Durch einen Diabetes mellitus können neben den Folgeerkrankungen auch akute Komplikationen wie eine Unter- (Hypoglykämie) oder Überzuckerung (Hyperglykämie) auftreten. Diese Notfallsituationen entstehen dann, wenn es nicht mehr gelingt den Blutzuckerspiegel im Normalbereich zu halten. Man spricht von einer Hypoglykämie, wenn der Blutzuckerspiegel auf Werte unter 50 mg/dl sinkt. Eine Unterzuckerung kann verschiedene Ursachen haben wie z. B. eine zu hohe Insulin-Dosis, eine unzureichende Nahrungsaufnahme oder eine ungewohnt hohe körperliche Belastung. Unter einer Hyperglykämie versteht man einen Anstieg des Blutzuckerspiegels auf Werte, die über 250 mg/dl liegen. Die Ursachen dafür sind meist eine zu geringe Insulin-Zufuhr oder Infektionen wie fieberhafte Infekte. Sowohl die Hypoglykämie als auch die Hyperglykämie stellen akute Notfälle dar und müssen schnellstmöglich therapiert werden.

Hypoglykämie

Eine Hypoglykämie wird auch als Unterzucker, Unterzuckerung oder kurz „Hypo“ bezeichnet. Hypoglykämien allein anhand des Unterschreitens eines Blutzucker-Grenzwerts zu definieren, ist nicht unumstritten. Denn es gibt Patienten mit gestörter Hypoglykämie-Wahrnehmung, die auch bei sehr niedrigen Blutzucker-Konzentrationen keine Symptome einer Unterzuckerung verspüren. Ein häufig verwendeter Grenzwert ist eine Blutzucker-Konzentration von weniger als 50 mg/dl.

Eine exaktere Definition der Hypoglykämie stellt die sogenannte „Whipple-Trias“ dar, nach der folgende Kriterien erfüllt sein müssen:

1. typische Symptome einer Unterzuckerung,
2. gleichzeitig Nachweis niedriger Blutzucker-Spiegel,
3. Beseitigung der Symptome durch Zufuhr von Glukose möglich?

Ursachen für eine Hypoglykämie

Als Auslöser von Hypoglykämien kommen eine Reihe von Faktoren in Frage:

  • Überdosierung von Insulin oder Blutzucker-senkenden Medikamenten
  • zu niedrige Energiezufuhr bei gleichbleibender Insulin- oder Tablettendosis (z.B. Auslassen einer Mahlzeit)
  • zu starke körperliche Belastung/Sport bei gleichbleibender Insulin- oder Tablettendosis
  • Alkohol: übermäßiger Konsum kann mit mehrstündiger Verzögerung den Blutzucker-Spiegel senken (besonders in Verbindung mit körperlicher Aktivität – „Umtrunk“ nach dem Sport)
  • Durchfall/Erbrechen
  • zu großer Spritz-Ess-Abstand
  • gestörte Hypoglykämie-Wahrnehmung: liegt vor, wenn – meist langjährige – Diabetiker die normalen Anzeichen für eine drohende Hypoglykämie nicht erkennen oder bereits viele Hypoglykämieanfälle hatten

IN KÜRZE

Eine Hypoglykämie kann sowohl Typ-1- als auch Typ-2-Diabetiker betreffen. Der Blutzucker sinkt dabei auf eine Blutzucker-Konzentration von weniger als 50 mg/dl.

Symptome der Hypoglykämie

Hypoglykämien können sich durch Symptome wie Schwitzen, Zittern, Herzklopfen, Hunger- und Angstgefühle bemerkbar machen. Diese Zeichen stellen eine Gegenreaktion des sympathischen Nervensystems dar und signalisieren den Patienten die drohende Hypoglykämie. Sogenannte neuroglykopenische Symptome wie Konzentrations- und Sehstörungen, Schwindel und Störungen der Feinmotorik sind Ausdruck einer mangelhaften Energieversorgung des Gehirns. Fällt die Blutzucker-Konzentration unter 30 mg/dl, können zusätzlich Krämpfe und Bewusstlosigkeit auftreten. Von einer schweren Hypoglykämie spricht man, wenn die Symptomatik so ausgeprägt ist, dass der Patient auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Akuttherapie der Hypoglykämie

  • Im Falle einer milden Hypoglykämie (typische Symptome, niedrige Blutglukose-Konzentration, Selbsttherapie möglich) sollte der Patient 20 Gramm Kohlenhydrate, bevorzugt in Form von Glukose (Traubenzucker) zu sich nehmen. Alternativ sind auch 200 ml Fruchtsaft (nicht kalorienreduziert!) möglich. Ist der Blutzucker-Spiegel nach 15 Minuten nicht höher als 50–60 mg/dl, sollte diese Maßnahme wiederholt werden. Um einer erneuten Hypoglykämie nach erfolgreicher Therapie vorzubeugen, sollte der Patient eine Mahlzeit oder einen Snack einnehmen.

  • Ist der Patient bei Bewusstsein, aber nicht mehr zu selbstständiger Therapie fähig (schwere Hypoglykämie), so ist der Verzehr von 30 Gramm schnell verfügbaren Kohlenhydraten (vorzugsweise Glukose) zu empfehlen. Ist der Blutzucker-Spiegel nach 15 Minuten nicht über 50–60 mg/dl angestiegen, sollte diese Maßnahme wiederholt werden. Um einer erneuten Hypoglykämie nach erfolgreicher Therapie vorzubeugen, sollte der Patient eine Mahlzeit oder einen Snack einnehmen.

  • Ist der Patient bewusstlos, sollte durch einen Fremdhelfer (zum Beispiel einen darin geschulten Angehörigen) 1 mg Glukagon subkutan oder intramuskulär injiziert werden. Glukagon fungiert als Gegenhormon zu Insulin und bewirkt einen raschen, kurz dauernden Blutzucker-Anstieg. Sofern ein Arzt vor Ort ist, wird dieser eine Glukoselösung direkt intravenös verabreichen. Spricht diese Therapie innerhalb von längstens fünf Minuten nicht an, wird sie wiederholt. Zur Vorbeugung einer erneuten Hypoglykämie nach erfolgreicher Therapie sollte der Patient eine Mahlzeit oder einen Snack einnehmen.

Ein Erste Hilfe-Schema bei Hypoglykämien finden Sie hier.

GUT ZU WISSEN

Ein erhöhtes Risiko für Hypoglykämien besteht nach Alkoholkonsum, insbesondere bei abendlichem Konsum. Dies kann die Blutglukosewerte am folgenden Tag reduzieren und die Gefahr einer milden Hypoglykämie erhöhen.

Störung der Hypoglykämie-Wahrnehmung

Wiederholte Hypoglykämien können die Wahrnehmung für Unterzuckerungen beeinträchtigen. Die vom sympathischen Nervensystem ausgelösten Warnzeichen (Schwitzen, Zittern, Herzklopfen, Hunger- und Angstgefühle) treten dann erst bei so niedrigen Blutzucker-Werten auf, dass bereits die Gehirnfunktion in Mitleidenschaft gezogen ist. Die Folge: Die Patienten bemerken die Warnsymptome nicht und ergreifen folglich keine Gegenmaßnahmen. Bei alten Menschen können Hypoglykämien auch Gangunsicherheit, Schwindel, Gedächtnis-, Koordinations- oder Sprachstörungen verursachen. Dann besteht die Gefahr einer Verwechslung mit zerebralen (das Gehirn betreffende) Durchblutungsstörungen.

Gefährlich ist eine gestörte Hypoglykämie-Wahrnehmung vor allem dann, wenn Unterzuckerungen im Straßenverkehr, beim Schwimmen und bei anderen potenziell gefährlichen Aktivitäten auftreten.

GUT ZU WISSEN

Das Blutglukose-Wahrnehmungs-Training (BGAT) ist ein Schulungsprogramm, das die Patienten wieder für Symptome der Hypoglykämie sensibilisiert und Gegenmaßnahmen rechtzeitig ergreifen lässt.

Weitere Maßnahmen

Zunächst sollten Patient und Arzt gemeinsam der Ursache der Hypoglykämie auf den Grund gehen, um vorbeugende Strategien entwickeln zu können, beispielsweise eine Umstellung der Therapie. Sofern die Hypoglykämie-Wahrnehmung beeinträchtigt ist, muss versucht werden, sie wieder zu verbessern. Werden Unterzuckerungen über einen Zeitraum von drei Monaten durch eine weniger strenge Blutzucker-Einstellung vermieden, normalisiert sich die Hypoglykämie-Wahrnehmung meist vollständig. Gelingt dies nicht, kommen spezielle Schulungsprogramme in Betracht.

Hyperglykämische Notfälle

Bei den beiden schwersten Diabetes-Komplikationen liegt eine starke Hyperglykämie, also eine starke Erhöhung der Blutzucker-Konzentration (Überzuckerung) vor: der diabetischen Ketoazidose und dem hyperosmolaren hyperglykämischen Syndrom. Beide Stoffwechsel-Entgleisungen verliefen vor Entdeckung des Insulins bei allen Typ-1-Diabetikern und vielen Typ-2-Diabetikern tödlich.

GUT ZU WISSEN

Wird die Ketoazidose nicht rechtzeitig behandelt, droht der Übergang in ein diabetisches Koma, eine schwere Stoffwechsel-Entgleisung mit tiefer Bewusstlosigkeit.

Diabetische Ketoazidose

Die diabetische Ketoazidose tritt in der Regel bei Typ-1-Diabetes auf, kann aber in milder Form auch bei Patienten mit Typ-2- Diabetes vorkommen. Definiert ist sie als gleichzeitiges Auftreten von

  • Hyperglykämie (Blutzucker meist deutlich über 250 mg/dl),
  • Metabolischer Azidose (Übersäuerung des Organismus),
  • Ketonämie / Ketonurie (Nachweis von Ketonkörpern im Blut und Urin).

 

Ursachen einer Ketoazidose

Häufigste Ursache (30 bis 40 %) der Ketoazidose bei Diabetikern sind Infektionen – besonders Lungenentzündungen, Harnwegsinfekte und Abszesse. Denn trotz geringem Appetit und reduzierter Nahrungsaufnahme erhöhen fieberhafte Infekte den Insulinbedarf, sodass die normale Dosierung zu niedrig sein kann. Auch vergessene oder zu niedrig dosierte Insulingaben und technische Probleme bei der Insulinpumpen-Therapie sind ein häufiger Auslöser (20 bis 40 % der Fälle).

In beiden Situationen fehlt dem Organismus Insulin, sodass die Blutglukose nicht als Energieträger in die Körperzellen transportiert werden kann. Um den Energiemangel auszugleichen, produziert einerseits die Leber neue Glukose, was die Hyperglykämie weiter verstärkt. Andererseits verstoffwechselt der Organismus vermehrt Fett in sogenannte Fettsäuren. Dieses Überangebot an Fettsäuren wird nur noch unvollständig zu Ketonkörpern abgebaut, was letztlich zu der Übersäuerung führt.

Zu den selteneren Ursachen für Ketoazidose zählen unter anderem Herzinfarkt, Lungenembolie, Schlaganfall, Alkoholmissbrauch und die Einnahme von Kortison.

Symptome und Warnzeichen der diabetischen Ketoazidose

Die Symptome der diabetischen Ketoazidose sind eine Folge der Reaktionen des Organismus auf Hyperglykämie und Übersäuerung. Beispielsweise ist die Niere bei dauerhaft hohem Blutzucker nicht mehr in der Lage, die Glukose mit dem Blut in den Körper zurück zu transportieren, sodass vermehrt Glukose mit dem Urin ausgeschieden wird. Dabei gehen gleichzeitig viel Flüssigkeit und auch Elektrolyte (Blutsalze) verloren. Ebenso wird die Atmung stimuliert, um das bei Übersäuerung vermehrt entstehende Kohlendioxid (CO2) abzuatmen.

Warnzeichen einer beginnenden Ketoazidose sind:

  • Polyurie (verstärktes Wasserlassen)
  • Polydipsie (verstärkter Durst als Reaktion auf Polyurie)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Appetitlosigkeit
  • Bauchschmerzen
  • Acetongeruch in der Atemluft (Geruch nach Nagellackentferner oder Obst)
  • Vertiefte Atmung
  • Starke Müdigkeit oder Schläfrigkeit
  • Muskelschwäche
  • Gewichtsverlust.

 

 

GUT ZU WISSEN

Die Basis der Therapie bilden Flüssigkeitsersatz und Insulingaben unter engmaschiger Verlaufskontrolle.

Prävention und Therapie der diabetischen Ketoazidose

Um im Bedarfsfall rechtzeitig die Insulindosis erhöhen zu können, sollten Diabetiker während akuter Infekte regelmäßig den Blutzucker messen und mittels Teststreifen den Ketongehalt im Urin ermitteln. Entscheidende Bedeutung besitzt eine disziplinierte Diabetestherapie mit regelmäßigen Blutzucker-Kontrollen.

Bei den ersten Warnzeichen einer beginnenden Ketoazidose sollten die Patienten mittels Teststreifen den Ketongehalt im Urin ermitteln. Gleiches gilt, wenn die Blutzuckerwerte anhaltend über 300 mg/dl liegen. Fällt der Keton-Test positiv aus, soll umgehend ärztliche Hilfe gesucht werden. Nur der Arzt kann entscheiden, ob eine sofortige stationäre Aufnahme erforderlich oder der Versuch einer ambulanten Behandlung vertretbar ist.

Hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom (HHS)

Das hyperosmolare hyperglykämische Syndrom (HHS) betrifft meist ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes. Die oft synonym verwendete Bezeichnung „hyperosmolares hyperglykämisches Koma“ ist irreführend, da nicht einmal bei 20 Prozent der Betroffenen ein echter Zustand der Bewusstlosigkeit vorliegt. Definiert ist das HHS als gleichzeitiges Auftreten von:

  • extremer Hyperglykämie (über 600 mg/dl, häufig sogar über 1000 mg/dl)
  • Hyperosmolalität (Wasserdefizit durch einen Überschuss gelöster Substanzen; hier: Glukose)
  • schwerer Dehydratation (Entwässerung)

Bei etwa jedem zweiten Patienten liegt zusätzlich eine leichte metabolische Azidose (Übersäuerung) vor. Eine Ketoazidose besteht jedoch nicht, weil die Restproduktion von Insulin ausreicht, um (anders als beim ketoazidotischen Koma) keinen Abbau von Fett in Gang kommen zu lassen.

Ursachen des HHS

Häufigste Ursachen sind wie bei der Ketoazidose Infektionen und Anwendungs- oder technische Fehler bei der Insulintherapie. Bei den in der Regel älteren Patienten kommen auch potenziell blutzuckererhöhende Medikamente wie Kortison oder manche entwässernde Wirkstoffe oder Medikamente als Auslöser in Betracht. Resultat ist in jedem Fall ein Mangel an Insulin, sodass der Blutzuckerspiegel ansteigt, und Glukose mit dem Urin ausgeschieden wird. Das hat einen erheblichen Verlust von Flüssigkeit und Elektrolyten zur Folge. Da sich ein hyperosmolares hyperglykämisches Koma langsam über Tage bis Wochen entwickelt, und alte Menschen ohnehin dazu neigen, zu wenig zu trinken, kann es zu extremer Entwässerung kommen (Defizit an Körperwasser bis zu 12 Liter!).

Symptome des HHS

Die Symptomatik entwickelt sich langsam und beginnt oft mit uncharakteristischen Beschwerden wie Abgeschlagenheit und Schläfrigkeit. Weitere mögliche Symptome sind:

  • Verschwommenes Sehen
  • Polyurie (verstärktes Wasserlassen)
  • Polydipsie (verstärkter Durst als Reaktion auf Polyurie)
  • Wadenkrämpfe
  • Gewichtsverlust
  • Niedriger Blutdruck
  • Neurologische Symptome (z.B. Sprachstörungen, halbseitige Lähmungen, Schluckstörungen).

Die Diagnose ist anhand der ausgeprägten Überzuckerung und Entwässerung in der Regel leicht zu stellen.

Prävention und Therapie des HHS

Den besten Schutz vor Stoffwechsel-Entgleisungen bietet eine konsequente, disziplinierte Therapie mit regelmäßigen Blutzucker-Kontrollen. Im Falle akuter Infektionen sind engmaschige Blutzucker-Kontrollen angezeigt, um im Bedarfsfall rechtzeitig die Diabetestherapie anpassen zu können.

Die HSS-Behandlung erfolgt in der Regel im Krankenhaus. Basis der Therapie bildet der langsame Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts. Aufgrund des hohen Risikos für Thrombosen und Embolien wird vorbeugend häufig eine gerinnungshemmende Therapie durchgeführt.

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Informationen zum Inhalt

Quellen:

Letzte Aktualisierung:

11. November 2013

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