Diabetes: Psyche und Motivation

Die Diagnose Diabetes bedeutet für viele Menschen einen deutlichen Einschnitt in ihrem Leben. Wird die psychische Belastung nach der Diagnose zu groß, kann es zu schwerwiegenden psychischen Beschwerden kommen. Depressionen, Angst- oder Essstörungen beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität, sondern verschlechtern auch die Einstellung des Stoffwechsels. Eine solche zusätzliche Belastung kann den Erfolg einer Diabetes-Therapie erheblich beeinträchtigen.

Wie schafft man es, Diabetes dauerhaft anzunehmen, in sein Leben zu integrieren und sein Verhalten entsprechend darauf auszurichten? Kurz gesagt – wie motiviert man sich immer wieder von neuem? Wer mit der Diagnose Diabetes konfrontiert ist, muss sich früher oder später dieser Frage stellen. Umso wichtiger ist es, Mittel und Wege zu kennen, mit deren Hilfe man sich gerade in schwierigen Zeiten wieder selbst motivieren kann. 

Diabetes und Depression

Synapse und Neurotransmitter
© psdesign1 / fotolia.com

Im Schnitt erkranken Diabetiker doppelt so häufig an Depressionen wie Nicht-Diabetiker. Auch umgekehrt scheint eine Wechselwirkung zu bestehen: Einigen Studien belegen, dass Menschen, die an einer Depression leiden, häufiger einen Typ-2-Diabetes entwickeln als Gesunde. Neben einer starken Einschränkung der Lebensqualität beeinflussen Depressionen auch die Diabetes-Erkrankung selbst negativ: Diabetiker mit depressiven Beschwerden haben oft Schwierigkeiten, sich an wichtige vereinbarte Therapiestrategien zu halten, beispielsweise in Bezug auf Lebensstiländerungen (ausgewogene Ernährung, mehr körperliche Bewegung, Nikotinverzicht, Einschränkung des Alkoholkonsums) aber auch in Bezug auf Tabletten- und Insulinbehandlung (=fehlende Therapieadhärenz). Häufiger als bei psychisch gesunden Diabetikern brechen sie zudem Patientenschulungs- und -trainingsprogramme ab oder verweigern solche. Und nicht zuletzt hat sich gezeigt, dass Diabetiker mit einer depressiven Störung häufiger zu Suchtmitteln greifen; ein Umstand, der die Krankheit verschlimmern kann.

GUT ZU WISSEN

Es gibt Hinweise, dass Maßnahmen zur Stressreduktion depressive Beschwerden auch bei Diabetikern verringern können. Bislang gibt es aber nur wenige aussagekräftige Studien zu diesem Thema.

Aktuellen Studien zufolge leiden etwa 12 Prozent aller Diabetiker an einer klinischen Depression, 18 Prozent an depressiven Stimmungen wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Resignation und Zukunftsangst. Leider bleiben aber etwa fünfzig bis siebzig Prozent der Krankheitsfälle unentdeckt. Für den Arzt ist die Diagnose nicht einfach, denn Betroffene klagen meistens nur über Beschwerden wie Müdigkeit oder Schlaflosigkeit, ohne emotionale Probleme anzusprechen. Der Arzt muss deshalb gezielt nachfragen, um auf eine Depression schließen zu können. Hilfreich sind entsprechende Fragebögen wie der einfache WHO-5- Fragebogen zum Wohlbefinden, der auch im Gesundheits-Pass abgebildet wird. Besteht nach Auswertung der Verdacht auf eine Depression, sollten zur Sicherung der Diagnose vom Arzt weitere Instrumente eingesetzt werden. Eine schnelle Diagnose ist von besonderer Bedeutung, da es einfache und wirksame Therapiemöglichkeiten gibt, wie die kürzlich evaluierte Kurzeit-Verhaltenstherapie „DIAMOS – Diabetesmotivation stärken“ (Diabetes Motivation Strengthening).

Diabetes und Angst

Nach bisherigen Erkenntnissen scheinen Angststörungen bei Diabetikern nicht häufiger vorzukommen als bei Nicht-Diabetikern. Es gibt jedoch einige Formen, die sich spezifisch auf die Krankheit Diabetes beziehen. Darunter fallen zum Beispiel die Ängste vor Folgekomplikationen oder vor Unterzuckerung. Auch Ängste vor Insulinspritzen sind bekannt. Problematisch werden solche Phobien insbesondere dann, wenn die Betroffenen Überzucker in Kauf nehmen, um sich vor Unterzuckerung zu schützen, oder etwa aus Angst vor der Nadel (Spritzenphobie) kein Insulin mehr spritzen oder eine Insulintherapie verweigern.

Ängste können aber auch im sozialen Umfeld begründet sein: Es gibt Diabetiker, die aus Schamgefühlen heraus vermeiden, sich beim Essengehen im Restaurant Insulin zu spritzen. Andere entwickeln den zwanghaften Gedanken in Hinblick auf ihr Übergewicht und stürzen in eine Essstörung. Ein bekanntes Verhalten bei essgestörten Diabetikern ist das sogenannte „Insulin-Purging“. Dabei spritzt man sich bewusst zu wenig Insulin, um über den Urin vermehrt Glukose auszuscheiden. Die Betroffenen hoffen so, Kilokalorien einzusparen. Insulin-Purging kann jedoch ernste gesundheitliche Folgen haben. 

Diabetes und Sucht

Abhängigkeiten von Alkohol und/oder Nikotin treten bei Diabetikern ebenso häufig auf wie in der nicht-diabetischen Bevölkerung. Diabetiker, die rauchen oder übermäßig trinken, schaden ihrem Stoffwechsel und haben häufiger mit Folgekomplikationen wie Durchblutungsstörungen des Gehirns, Herzens, der Beine und der Augen und Nieren  zu kämpfen. Daneben ist eine Sucht oft dafür verantwortlich, dass wichtige vereinbarte Therapie- und Verhaltensmaßnahmen nicht eingehalten werden oder die Selbstbehandlung und das Selbst-Monitoring vernachlässigt wird.

IN KÜRZE

Bei der Pharmakotherapie sollten trizyklische Antidepressiva mit Vorsicht verschrieben werden. SSRI-Hemmer eignen sich häufig besser.

Psychopharmaka für Diabetiker

Psychische Begleiterkrankungen wie Depressionen, Süchte oder Ess- und Angststörungen werden bei Diabetikern genauso behandelt wie bei Nicht-Diabetikern. Wenn die Einnahme von Psychopharmaka erforderlich ist und auf die Verschreibung trizyklischer Antidepressiva nicht verzichtet werden kann, sollte eine engmaschigere Stoffwechselkontrolle erfolgen, da diese Substanzen den Stoffwechsel verschlechtern können. Sogenannte SSRI-Hemmer, die die Wiederaufnahme des Hormons Serotonin hemmen, sind für Diabetiker besser geeignet. Gegebenenfalls muss aber die Insulindosis angepasst werden, um Unterzucker vorzubeugen.

Bei Typ-2-Diabetikern, die an Depressionen leiden, hat sich auch die kognitive Verhaltenstherapie bewährt. Studien zeigen, dass mentales Training Beschwerden lindern und die Stoffwechseleinstellung sich in der Folge verbessern kann. Andere verhaltenstherapeutische Verfahren, wie das Blutzucker-Wahrnehmungs-Training als Therapie gegen eine zwanghafte Angst vor Unterzuckerung, sind bis heute noch nicht hinreichend erforscht. Nikotinabhängige Diabetiker können an strukturierten Entwöhnungsprogrammen teilnehmen (vgl. Lungeninformationsdienst > Tabakentwöhnung. Einige Studien haben gezeigt, dass motivationssteigernde Maßnahmen im Rahmen der Diabetestherapie die Tabakentwöhnung erleichtern.
  

Weiterführende Informationen

Logo Information
  • AG Diabetes und Psychologie der DDG

    Innerhalb der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG) gibt es eine eigene Arbeitsgruppe, die sich dem Bereich Psychologie/ Psychische Belastung bei Diabetikern widmet. Ziel ist die wissenschaftliche Erforschung psychosozialer und pädagogischer Aspekte des Diabetes mellitus. Die AG führt wissenschaftliche Tagungen durch, erarbeitet Empfehlungen, organisiert Fortbildungen u.v.m.
    AG Diabetes und Psychologie (DDG) / Verein Diabetes und Psychologie

    Hier finden Sie auch viele weitere Informationen, Patientenleitlinien / Tipps zur Lebensqualität und ein Verzeichnis von Psychotherapeuten

  • Literatur

    Gesellschaft für Rehabilitation bei Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (GRVS, Hrsg.), Hübner, P. et al. (2011): Diabetes-Lesebuch, Wissenswertes für den Alltag mit Diabetes. Pabst Science Publishers, ISBN: 978-3-89967-695-2
    Auf der Internetseite der GRVS ist eine kostenlose PDF-Version verfügbar oder Sie können die Datei auf den Seiten der AG Diabetes und Psychologie herunterladen.

  • GET.ON – Gesundheitstraining online

    Im Rahmen des EU-Projekts Innovations-Inkubator bietet GET.ON ein Programm für Patienten mit Diabetes mellitus und depressiven Symptomen an. Im Rahmen einer Studie können kostenlose Online-Trainings absolviert werden, die Techniken zur Problemlösung, dem Umgang mit depressiven Symptomen und Sorgen über die Erkrankung vermitteln.
    http://www.geton-training.de/Diabetes.php

 

 

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