Versorgungsforschung zu Diabetes

In den letzten zehn Jahren hat die Bedeutung der Versorgungsforschung in Deutschland deutlich zugenommen. Indikatoren hierfür sind die Gründung des Deutschen Netzwerks für Versorgungsforschung mit seinen jährlichen Kongressen, das Förderprogramm zur Versorgungsforschung des Forschungsministeriums sowie die Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu Stand und Perspektiven der Versorgungsforschung.

Was ist Versorgungsforschung?

Die Versorgungsforschung ist ein Gebiet, dass im Grenzbereich von Klinischer Forschung, Public Health Forschung und Gesundheitsökonomie liegt.

Eine weit verbreitete Definition beschreibt Versorgungsforschung als das multidisziplinäre Forschungsgebiet, in dem untersucht wird, wie soziale Faktoren, Finanzierungssysteme, Organisationsstrukturen und Prozesse, Gesundheitstechnologien und Verhalten Einfluss auf den Zugang zum Gesundheitssystem, auf die Qualität und Kosten der medizinischen Versorgung, und letztlich auf unsere Gesundheit und Wohlbefinden nehmen. Dabei werden Individuen, Familien, Organisationen, Gemeinden und ganze Populationen betrachtet. (Lohr und Steinwachs, 2002)

Arbeitsgebiete der Versorgungsforschung

Wie beim Vorbild der amerikanischen Health Services Research hat sich zur Untersuchung des Gesundheitssystems das sogenannte „Input - Throughput - Output – Outcome“-Modell bewährt:

Die Input-Forschung untersucht alle Einflussfaktoren, die den Eintritt in das System bedingen (z.B. Versorgungsbedarf, Inanspruchnahmeverhalten und dessen Barrieren) oder die Voraussetzungen für die Versorgung darstellen (z.B. diabetologische Weiterbildung von Ärzten).

Die Throughput-Forschung untersucht die organisatorischen, diagnostischen und therapeutischen Strukturen und Prozesse (wie z.B. Wartezeiten, Schnittstellen, Anwendung von Leitlinien, Einfluss der Arzt-Patient-Beziehung auf die Versorgung).

Die Output-Forschung untersucht die unmittelbar erbrachten Versorgungsleistungen (z.B. Diagnosen, Eingriffe) unabhängig von ihrer Wirkung auf das Outcome.

Die Outcome-Forschung schließlich untersucht das Erreichen des eigentlichen gesundheitlichen Ziels. Hierzu gehören kurzfristige Ziele (z.B. Wundheilung) ebenso wie langfristige Ziele wie Lebenserwartung und Lebensqualität.

Vor allem bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus spielt die Versorgungsforschung eine immer wichtigere Rolle: Einerseits sollen die Patienten optimal versorgt sein, andererseits müssen die Kosten für diese Versorgung – auch im Hinblick auf die Zunahme der Patientenzahlen – in Grenzen gehalten werden. Somit haben auch gesundheitsökonomische Aspekte eine besondere Bedeutung in der Versorgungsforschung.

Versorgungsforschung am Helmholtz Zentrum München

Am Helmholtz Zentrum München befassen sich das Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen (IGM) sowie das Institut für Epidemiologie II mit verschiedenen Aspekten der Versorgungsforschung im Bereich Diabetes, aber auch bei anderen chronischen Erkrankungen wie etwa COPD und koronare Herzkrankheit. Hierzu gehören u.a.:

Versorgungsprozesse und -ergebnisse:

Um den Behandlungsablauf und die Qualität der medizinischen Betreuung chronisch Kranker zu verbessern, wurden in den gesetzlichen Krankenkassen sogenannte Disease Management Programme (DMPs) eingeführt. Eine der ersten Krankheiten, für welche diese Disease Management Programme eingeführt wurden, war Diabetes. Eckpunkte der DMPs sind die Behandlung nach den Qualitätsstandards evidenzbasierter Leitlinien, die Koordination der komplexen Versorgung und die Schulung von Leistungsanbietern und Patienten.  

Zur Untersuchung der Qualität der Versorgung von Diabetikern - und dabei insbesondere zum Einfluss der DMP-Teilnahme - wurden Daten aus mehreren bevölkerungsbasierten KORA-Studien herangezogen. Die Studienteilnehmer nahmen an umfassenden medizinischen Untersuchungen teil und wurden zu ihrer medizinischen Versorgung befragt. Mit Hilfe von Kriterien, die in den Nationalen Versorgungsleitlinien und den DMPs genannt werden, wurde die Prozess- und Ergebnisqualität der Versorgung bewertet.

Lebensqualität als patientenrelevanter Outcome:

Aus der Sicht der Versorgungsforschung ist es wichtig, ob sich Verbesserungen in der Versorgung auch mit patientenrelevanten Merkmalen messen lassen. Im Rahmen des Kompetenznetz Diabetes wird untersucht, wie sich die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Patienten mit Typ-2-Diabetes von der von Personen ohne Diabetes unterscheidet und welches wichtige Einflussfaktoren sind. Dazu wurden in einer gemeinsamen Auswertung mehrerer regionaler und überregionaler bevölkerungsbasierter Studien wichtige Referenzwerte für Diabetes erarbeitet.

Soziale und regionale Unterschiede:

Das Auftreten von Typ 2 Diabetes in der Bevölkerung zeigt im innerdeutschen Vergleich erhebliche regionale Unterschiede. Gleichzeitig gibt es erste Hinweise auf größere soziale und regionale Unterschiede in der Versorgung von Diabetikern. In einem Projekt im Rahmen des Kompetenznetz Diabetes wird derzeit untersucht, ob diese Unterschiede eher mit dem sozialen Gradienten in der Bevölkerung oder mit den regionalen Strukturunterschieden zusammenhängen.

Die Forschungsarbeiten des Helmholtz Zentrum München zur Versorgungsforschung bei Diabetes stellen Beiträge sowohl zum Kompetenznetz Diabetes als auch zum Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) dar.

Weiterführende Informationen

Bundesministerium für Gesundheit: Begriffsbestimmung Versorgungsforschung (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Bundesärztekammer (BÄK): Definition der Versorgungsforschung (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Prof. Dr. Gerd Glaeske, Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen: Öffentliches Fachgespräch zum Thema „Perspektiven der Versorgungsforschung“ am 13. Juni 2012, Deutscher Bundestag, Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Bundesärztekammer (BÄK): Definitionen für Disease-Management (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Beispiel für DMP-Plattformvertrag der AOK Bayern für internistische DMP, darunter auch Typ-1- und Typ-2-Diabetes (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Roski R., Stegmaier, P., Kleinfeld, A.: Disease Management Programme - Statusbericht 2012. MVF-Fachkongresse "10 Jahre DMP" und "Versorgung 2.0". Verlag eRelation AG - Content in Health ISBN 978-3-9814519-0-0, ca. 350 S.

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Informationen zum Inhalt

Quellen:

Bundesministerium für Gesundheit: Begriffsbestimmung Versorgungsforschung (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG): Versorgungsforschung in Deutschland: Stand – Perspektiven – Fö̈rderung: Stellungnahme (2010) (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Bundesärztekammer (BÄK): Definition der Versorgungsforschung (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Bundesärztekammer (BÄK): Definitionen für Disease-Management (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Bundesärztekammer (BÄK): DMP – Begriffliche Unschärfen und Definitionsvielfalt (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Bundesärztekammer (BÄK): Hintergründe und Ziele von Disease-Management-Programmen (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Deutsches Netzwerk
Versorgungsforschung e.V. (Letzter Abruf: 15.11.2012)

Letzte Aktualisierung:

15. November 2012

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