Typ-2-Diabetes: Risikofaktoren

Wie entsteht Typ-2-Diabetes und Adipositas - Nur eine Frage des Lebensstils?

In seinem Vortrag beim 3. Patiententag des Diabetesinformationsdienstes am Helmholtz Zentrum München gibt Privatdozent Dr. Andreas Lechner (Klinikum der Universität München) einen umfassenden Überblick zu Ursachen, Entstehung und Verbreitung von Typ-2-Diabetes und Adipositas. Dabei geht er insbesondere auf Fragen des Lebensstils und mögliche genetische bzw. epigenetische Ursachen ein.
(Vortragsdauer: 19,7 Minuten)

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Genetisches Risiko

Typ-2-Diabetes ist eine Erkrankung, an deren Entstehung Gene wesentlich beteiligt sind. Besonderes Interesse gilt jenen Genen, die eine Rolle bei der Insulinproduktion und -abgabe durch die Betazellen und bei der Entwicklung von Übergewicht spielen. 2006 wurde zum Beispiel eine Veränderung im TCF7L2-Gen entdeckt, die vermutlich die Insulinausschüttung beeinflusst (Genforschung).

Ein weiteres Gen, das für Diabetes eine wichtige Rolle spielt, ist das Adipositas (Fettleibigkeits)-Gen FTO: Eine Variante dieses Gens beeinflusst das Diabetesrisiko wahrscheinlich, indem es den Body Mass Index (BMI) erhöht.

IN KÜRZE

Eine genetische Veranlagung bildet die Grundlage, auf der lebensstilbedingte Faktoren die Erkrankung begünstigen.

Insgesamt sind bislang weit über 100 Genorte bekannt, die mit Typ-2-Diabetes in Zusammenhang gebracht werden. In kurzen Abständen kommen immer neue Genvarianten hinzu. Genveränderungen betreffen die Erkennung von Insulin im Gehirn (das wesentlich an der Regulation des Gesamtstoffwechsels des Organismus beteiligt ist), Freisetzung von Fettsäuren im Fettgewebe,  Glukosebildung in der Leber (eng mit einer Fettleber assoziiert), die Betazellfunktion, die Zuckeraufnahme in die Muskelzellen und die Insulinresistenz der Muskulatur. Eine einzelne Genveränderung muss jedoch noch keinen Krankheitswert haben. Summieren sich aber viele dieser Veränderungen, kann dies ein erhöhtes Diabetesrisiko nach sich ziehen. Insbesondere in Belastungssituationen für den Stoffwechsel, zum Beispiel starke Gewichtszunahme während einer Schwangerschaft kann dieser dann entgleisen. Ein nicht unerheblicher Teil der von Schwangerschaftsdiabetes betroffenen Frauen entwickelt innerhalb einiger Jahre nach Ende einer Schwangerschaft Typ-2-Diabetes. Dies triftt insbesondere auf Frauen zu, die während der Schwangerschaft zur optimalen Einstellung ihres Schwangerschaftsdiabetes Insulin spritzen mussten.

Übergewicht und Bewegungsmangel

Dicker Bauch - Adipositas
© PeJo / Fotolia.com

Übergewicht oder Fettleibigkeit und Bewegungsmangel sowie verminderte Muskelmasse im Alter sind wesentliche Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes. Sowohl generelles Übergewicht als auch vermehrtes Fettgewebe im Bauchraum (viszerales Fett und Fettleber, metabolisches Syndrom) erhöhen das Diabetesrisiko signifikant. Ein Maß für das Diabetesrisiko ist deshalb nicht nur der Body-Mass-Index (BMI), sondern insbesondere der Taillenumfang. Beispielsweise haben Männer mit einem Taillenumfang von über 102 cm ein 3,4-fach höheres Diabetesrisiko als Männer, deren Taillenumfang im Normalbereich, also unter 94 cm liegt.

Das Diabetesrisiko erhöht sich auch mit zunehmendem Übergewicht, besonders ab einem BMI von 27 kg/m2, kontinuierlich. Möglicherweise steigt es bereits bei noch „normalen“ BMI-Werten etwas an. Dies deuten die Ergebnisse der an der Harvard Medical School in Boston durchgeführten Studie MELANY (= Metabolic, Lifestyle, and Nutrition Assessment in Young Adults) mit jungen israelischen Rekruten an. Dass eine Gewichtszunahme in jungen Jahren besonders gefährlich zu sein scheint, zeigt auch eine große Bevölkerungsstudie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), die EPIC-Studie (EPIC = European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition).

Moderat und regelmäßig: Bewegung verbessert Typ-2-Diabetes

Prof. Dr. Martin Halle berichtet im Interview über die Wirkung von regelmäßiger Bewegung auf den Blutzuckerspiegel. Wie können kleine Trainingseinheiten für Ausdauer, Kraft und Koordination auf einfache Weise in den Alltag eingebaut werden? Und was kann man tun, um die Motivation nicht zu verlieren?

GUT ZU WISSEN

Menschen, die im Alter von 25 bis 40 Jahren stark an Gewicht zunehmen und eine Diabetes-Vorgeschichte in der Familie aufweisen, haben ein höheres Diabetesrisiko als Menschen, die erst später Übergewicht entwickeln.

Riskante Ernährungsgewohnheiten

Pommes frites
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Bestimmte Ernährungsgewohnheiten scheinen die Entwicklung von Typ-2-Diabetes zu begünstigen. So erkranken beispielsweise starke Kaffeetrinker (mindestens drei Tassen koffeinhaltigen Kaffees täglich) statistisch gesehen seltener an Typ-2-Diabetes, Menschen mit hohem Fleischkonsum dagegen häufiger. Welche Mechanismen dabei wirken, ist bisher weitgehend unklar. Was den Fleischverzehr betrifft, gibt es aber bereits einige Vermutungen: So begünstigt wohl ein Überangebot an Eisen wie auch an Nitrosaminen, die aus Nitrit entstehen, eine Schädigung der Insulin-produzierenden Betazellen und damit die Insulinfreisetzung.

IN KÜRZE

Bestimmte Nährstoffe und Lebensmittel beeinflussen das Diabetesrisiko.

Einige Studien deuten darauf hin, dass sich sowohl die Gesamtfett- und Kohlenhydrataufnahme als auch die Fettqualität auf das Diabetesrisiko auswirken. Demnach sind mehrfach ungesättigte Fettsäuren tierischen wie pflanzlichen Ursprungs gesünder als gesättigte Fettsäuren. Alkohol als Lieferant großer Energiemengen trägt sowohl zu Übergewicht als auch zur Ausbildung einer Fettleber bei, die eine starke Insulinresistenz fördert. Als gesichert gilt, dass eine hohe Ballaststoffaufnahme etwa aus Getreideprodukten, Obst und Gemüse vor Diabetes schützen kann. Empfehlungen zu einer gesunden, ausgewogenen Ernährung finden scih in der Nationalen VersorgungsLeitlinie "Therapie des Typ-2-Diabetes".

Ist Rauchen ein Risikofaktor für Diabetes?

Zigarettenrauch
© H. Guldner

Rauchen beeinflusst das Diabetesrisiko, dies gilt insbesondere für männliche Raucher. Für Frauen ist der Zusammenhang zwischen Rauchen und Typ-2-Diabetes weniger gut belegt. Warum Rauchen das Diabetesrisiko erhöht, ist noch nicht genau geklärt. Vermutlich wirken bestimmte Substanzen aus Zigaretten wie Nikotin und Kohlenmonoxid nicht nur negativ auf die Bauchspeicheldrüse, sondern schädigen auch die Insulinrezeptoren, an denen Insulin in den Körpergeweben seine Wirkung entfaltet. Hinzu kommt, dass Rauchen die Freisetzung von freien Radikalen erhöht und oxidativen Stress verursacht.

Welche Rolle spielen Fetteinlagerungen in die Leber?

Wenn das besonders stoffwechselaktive und insulinempfindliche Fettgewebe im Bauchraum unempfindlicher für Insulin wird, setzt es vermehrt Fettsäuren frei. Sie gelangen größtenteils in die Leberzellen, nur ein kleinerer Teil in die Skelettmuskelzellen. In den Leberzellen werden aus den freien Fettsäuren unter dem Einfluss von Insulin vermehrt Triglyceride gebildet und gespeichert. Sie setzen unerwünschte entzündliche Prozesse und eine veränderte Genregulation in Gang.

GUT ZU WISSEN

Wer an einer nicht-alkoholischen Fettleber leidet, ist gut beraten, seine Blutglukosewerte und die Glukosetoleranz überprüfen zu lassen.

Eine so entstehende nicht-alkoholische Fettleber heizt nach derzeitigem Erkenntnisstand ihrerseits Insulinresistenz, Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen – die Merkmale des metabolischen Syndroms – an. Eine Fettleber ist nicht harmlos, da sich durch chronische Entzündung und Bindegewebsvermehrung im Laufe der Jahre eine Leberzirrhose entwickeln kann. Umgekehrt ist für alle Menschen mit Fettleber eine Untersuchung der Blutglukosewerte und der Glukosetoleranz ratsam.

Tübinger Forscher haben festgestellt, dass eine Insulinresistenz der Leber schon vorliegen kann, wenn nur wenig Fett in die Leberzellen eingelagert ist, und am Muskel noch keine veränderte Glukoseaufnahme bzw. Insulinempfindlichkeit zu beobachten ist. Weitere Studien haben zudem ergeben: Mit zunehmendem Leberfett steigt die Insulinresistenz – und zwar ganz unabhängig davon, wie dickleibig ein Mensch ist.

Was haben Schlafstörungen mit Diabetes zu tun?

Schlafstörungen
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Die Schlafqualität kann die Entstehung von Diabetes begünstigen. Das liegt vermutlich daran, dass der Körper bei einem gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus vermehrt Stresshormone ausschüttet, die eine Insulinresistenz begünstigen. Dass Schlafstörungen, Schnarchen und Atemstillstände während des Schlafs (Schlafapnoe-Syndrom) das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöhen, ist mittlerweile durch zahlreiche Studien belegt, unter anderem durch eine Untersuchung aus der KORA-Untersuchungsplattform des Helmholtz Zentrums München (KORA = Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg).

Medikamente und psychosoziale Risikofaktoren

Manche Medikamente können die Entstehung von Typ-2-Diabetes fördern oder einen bereits bestehenden Diabetes verschlechtern. Ein entsprechendes Risiko besteht bei Antidepressiva, bei blutdrucksenkenden Medikamenten wie Betablockern, bei harntreibenden Medikamenten (z.B. Thiazide), in seltenen Fällen bei der Antibabypille, und vor allem bei Kortison und dessen Abkömmlingen (sog. Glukokortikoide). Auf die Haut aufgetragene Glukokortikoide spielen dafür keine Rolle, aber inhalative Glukokortikoide (z.B. in bestimmten Asthmasprays) können die Glukoseverwertung vermindern.

Hohe Arbeitsbelastung, chronischer Stress, Depressionen und kritische Ereignisse im Leben können bei entsprechender Veranlagung eine Typ-2-Diabetes-Erkrankung ebenfalls auslösen oder zumindest begünstigen. Es fällt auf, dass Depressionen und Angst vielen Diabetikern auch nach dem Ausbruch der Erkrankung häufiger zu schaffen machen als Nicht-Diabetikern.

Lässt sich das persönliche Diabetes-Risiko abschätzen?

Mit dem Deutschen Diabetes-Risiko-Test des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam (DIfE) lässt sich das persönliche Diabetesrisiko einfach und kostengünstig bestimmen. Für eine Voraussage der Erkrankungswahrscheinlichkeit sind folgende Angaben notwendig: Alter, Taillenumfang, Body-Mass-Index (BMI) sowie Angaben zum Lebensstil (Rauchverhalten, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität), zur Ernährung (Konsum von Fleisch, Vollkornbrot und Kaffee) und zum Bestehen eines Bluthochdrucks. Dass sich anhand dieser Daten das Erkrankungsrisiko gut abschätzen lässt, bestätigen auch unabhängige Studienpopulationen, beispielsweise aus der EPIC-Heidelberg-Studie. Der Fragebogen steht online zur Verfügung.

Es gibt weitere Test-Instrumente wie den international und national evaluierten FINDRISK, der auch online zur Verfügung steht oder der evaluierte Risikocheck:

Rathmann W et al: Prediction models for incident type 2 diabetes mellitus
in the older population: KORA S4/F4 cohort study. In: Diabet Med. 2010 Oct;27(10):1116-23

Schwarz PE et al: The Finnish Diabetes Risk Score is associated with insulin resistance and progression towards type 2 diabetes. In: J Clin Endocrinol Metab. 2009 Mar; 94 (3): 920-6. Epub 2008 Dec 23.

Schwarz PE et al.: Tools for predicting the risk of type 2 diabetes in daily practice. In: Horm Metab Res. 2009 Feb; 41 (2): 86-97. Epub 2008 Nov 19. Review.

Li J et al.: A more simplified Finnish diabetes risk score for opportunistic screening of undiagnosed type 2 diabetes in a German population with a family history of the metabolic syndrome. In: Horm Metab Res. 2009 Feb; 41 (2): 98-103

Rathmann, W. et al.: Risikoscores in der Diabetologie. In: Der Diabetologe, 2014, 10(7): 539-572

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Informationen zum Inhalt

Quellen:

  • Berufsverband Deutscher Internisten: Was ist Typ-2-Diabetes? (Letzter Abruf 08.12.2015)
  • Ärzte Zeitung vom 28.02.2012: Diabetesrisiko bei hohem Kaffeekonsum verringert. (Letzter Abruf: 08.12.2015)
  • Ärzte Zeitung vom 17.10.2011: Depressionen und Angst machen vielen Diabetikern zu schaffen. (Letzter Abruf: 08.12.2015)
  • Petrak, F. et al.: Psychologie bei Diabetes: Erkennen Sie diabetesbezogene Ängste und Angststörungen? In: Info Diabetologie, 2015, 9(4): 35-44
  • Meisinger, C. et al.: Sleep disturbance as a predictor of type 2 diabetes mellitus in men and women from the general population. In: Diabetologia, 2005, 48: 235-241
  • Meisinger, C. et al.: Association of cigarette smoking and tar and nicotine intake with development of type 2 diabetes mellitus in men and women from the general population: The MONICA/KORA Augsburg Cohort Study. In: Diabetologia, 2006, 49: 1770-1776
  • Schulze, M.: Kurzfragebogen zur Bestimmung des Diabetesrisikos auf Grundlage des Deutschen Diabetes-Risiko-Scores.  In: ErnährungsUmschau, 2007, 12: 698-703
  • Schulze, M. et. al.: Primary prevention of diabetes: What can be done and how much can be prevented? In: Annual Review of Public Health, 2005, 26, 445-467
  • Van Dam, R. et al.: Coffee consumption and risk of Typ-2-Diabetes. In: The Journal of the American Medical Association, 2005, 294: 97-104
  • Yaggi, H. et al.: Sleep duration as a risk factor for the development of type 2 diabetes. In: Diabetes Care, 2006, 29: 657-661
  • Tirosh, A. et al.: Adolescent BMI Trajectory and Risk of Diabetes versus Coronary Disease. In: NEJM, 2011, 364, 1315-1325
  • Meisinger, C. et al.: Body fat distribution and risk of type 2 diabetes in the general population: are there differences between men and women? The MONICA/KORA Augsburg Cohort Study. In: American Journal of Clinical Nutrition, 2006, 84, 483-489
  • Rajpathak, S. et al.: Iron intake and the risk of type 2 diabetes in women: A prospective cohort study. In: Diabetes Care, 2006, 29: 1370-1376
  • Schienkiewitz, A. et al.: Body mass index history and risk of type 2 diabetes: results from the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC)-Potsdam Study. In: American Journal of Clinical Nutrition, 2006, 84: 427-433
  • Schulze, M. et al.: Fiber and magnesium intake and incidence of type 2 diabetes. In: Archives of Intern. Med., 2007, 167: 956-965
  • Song, Y. et al.: A prospective study of red meat consumption and type 2 diabetes in middle-aged and elderly women. In: Diabetes Care, 2004, 27: 2108-2115

  • DiabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe (Hrsg., 2015): Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2015. Kirchheim + Co. GmbH, Mainz;  ISSN: 1614-824X 
  • Shang, F. et al.: Coffee consumption and risk of the metabolic syndrome: A meta-analysis. In: Diabetes & Metabolism, 2015 doi:10.1016/j.diabet.2015.09.001
  • Vetter, C. et al.: Mismatch of Sleep and Work Timing and Risk of Type 2 Diabetes. In: Diabetes Care, 2015, doi: 10.2337/dc15-0302

Letzte Aktualisierung:

08. Dezember 2015

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