Metabolisches Syndrom: Therapie

Die in den letzten Jahren durchgeführten Studien belegen die Bedeutung des metabolischen Syndroms. Es stört verschiedene hormonelle und entzündungsrelevante Regelsysteme. Die gesundheitlichen Konsequenzen können gravierend sein: Etwa die Hälfte der Patienten mit der Diagnose metabolisches Syndrom werden in ihrem späteren Leben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa drei Viertel von ihnen an Typ-2-Diabetes erkranken. Ein frühzeitiges Gegensteuern ist daher sinnvoll und notwendig. In der Regel sind Lebensstiländerungen nötig, die tief in den menschlichen Stoffwechsel eingreifen und individuelle Risikofaktoren reduzieren. Dazu gehören verhaltens- und ernährungstherapeutische Maßnahmen, erhöhte körperliche Aktivität sowie gegebenenfalls medikamentöse Therapieformen.

IN KÜRZE

Gewichtsabnahme verbessert die Insulinempfindlichkeit und senkt Blutfettwerte und Blutdruck.

Zu Beginn eines erfolgreichen Therapiekonzepts sind bei den Betroffenen die individuellen Ursachen und Risikofaktoren zu betrachten. Da Fehlernährung und Bewegungsmangel die Hauptursachen für das metabolische Syndrom sind, stellt eine Korrektur der Lebensweise eine ursächliche und damit sehr effektive Behandlung dar. Schon eine moderate Gewichtsabnahme von weniger als zehn Prozent des Körpergewichts verbessert die Insulinempfindlichkeit und senkt die Serumlipidspiegel sowie den Blutdruck laut Empfehlung der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

Berechnung des Ruheenergierverbrauchs
Zur Berechnung des Ruheenergieverbrauchs (GU = Grundumsatz) kann folgende Formel verwendet werden:

  • Bei einem Body Mass Index (BMI) von 25 bis 30 errechnet sich der GU wie folgt:

    GU (MJ/d) = 0,045 x Körpergewicht (kg) + 1,006 x Geschlecht – 0,015 x Alter (J) + 3,407

  • Bei einem BMI ≥ 30 errechnet sich der GU wie folgt:

    GU (MJ/d) = 0,05 x Körpergewicht (kg) + 1,103 x Geschlecht – 0,016 x Alter (J) + 2,924


Geschlecht: weiblich = 0; männlich = 1
Zur Umrechnung von kJ auf kcal muss mit dem Faktor 0,239 multipliziert werden.
 

Bewegung macht die Körperzellen wieder insulinempfindlicher

Läuferin
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Mehr Bewegung ist ein zentraler Ansatz in der Behandlung des metabolischen Syndroms. Für Erwachsene empfiehlt das Bundesgesundheitsministerium auf die Woche verteilt mindestens zweieinhalb Stunden mäßig anstrengende und möglichst ausdauerorientierte Bewegung (zum Beispiel 30 Minuten an fünf Tagen in der Woche) oder 75 Minuten anstrengende körperliche Aktivität (zum Beispiel 20-30 Minuten an drei Tagen in der Woche) sowie Kräftigungsübungen an zwei Tagen pro Woche.

Neben dem damit verbundenen Abbau von Fettgewebe wird Muskulatur aufgebaut, insgesamt verbessern sich Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. Untersuchungen haben ergeben, dass regelmäßige sportliche Aktivitäten Typ-2-Diabetes sogar vollständig heilen können. Die Anlage dazu bleibt natürlich bestehen, so dass eine Rückkehr zu alten Lebensstilgewohnheiten auch das Krankheitsbild wiederbeleben kann. Laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) hat körperliche Aktivität Kurzzeit- und Langzeiteffekte auf den Zuckerstoffwechsel. Während sportlicher Betätigung verbraucht die Muskulatur in der ersten Phase freie Glukose bzw. Glukose aus dem Blut. Die hierfür erforderliche Glukoseaufnahme ist überwiegend insulinabhängig. Regelmäßige körperliche Bewegung wirkt sich – besonders in Kombination mit einer fettmodifizierten, ballaststoffreichen Ernährung – günstig auf das Herz-Kreislaufsystem und den Stoffwechsel aus. Infolgedessen verbessert sich bei Patienten mit metabolischem Syndrom das Risikoprofil für Gefäßerkrankungen.

IN KÜRZE

Die optimale Waffe gegen das metabolische Syndrom ist körperliche Aktivität in Kombination mit einer gesunden und fettreduzierten Ernährung und Gewichtsabnahme.

Sport aktiviert den Glukosestoffwechsel 
Muskelzellen können deutlich mehr Glukose aufnehmen, wenn der Muskel mehr arbeiten muss,. Es kommt zu metabolischen Veränderungen, die die Insulinresistenz der Skelettmuskulatur und der Leber verringern. Unter dem Strich nehmen die Glukose- und Triglyzerid-Werte ab und der HDL/LDL-Cholesterinquotient verbessert sich. Ausdauersport senkt zudem den Blutdruck. Auch entzündungsfördernde Zytokine verringern sich. Fazit: Regelmäßige sportliche Aktivität senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
 

Ernährung: konsequent umstellen

Gemüse
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Mit Hilfe verhaltenstherapeutischer Maßnahmen können Einstellung und Wille der Betroffenen zu Beginn einer Ernährungsumstellung positiv beeinflusst werden. Eine darauf folgende Diät sollte ärztlich begleitet sein und zu einer dauerhaften Umstellung der Ernährung anleiten. Wesentliche Bestandteile eines Ernährungsplans sind langsam wirksame Kohlenhydrate (50 bis 60 Prozent der Gesamternährung), ein geringer Fettanteil (20 bis 25 Prozent) sowie ein Eiweißanteil von etwa 15 bis 20 Prozent.
Die Gesamtfettaufnahme sollte 35 Prozent der Gesamtenergie nicht überschreiten. Neuere Studien geben Hinweise darauf, dass ein Fettanteil bis zu 45-50 Prozent auch vorteilhaft sein könnte.

Außerdem sollten gesättigte Fettsäuren durch einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren ersetzt werden. Auch der Konsum von zuckerhaltigen Getränken sollte Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zufolge reduziert werden. Zuckergesüßte Getränke erhöhen aufgrund der Energiezufuhr das Risiko für Diabetes und Adipositas. Geeignete Alternativen sind Wasser sowie zuckerfreie Kräuter- und Früchtetees.

Laut einer aktuellen klinischen Studie unter Führung des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) verschlechtert eine hohe Eiweißaufnahme zumindest vorübergehend die Insulinwirkung bei übergewichtigen Menschen. Unlösliche Ballaststoffe aus Getreide verbessern dagegen die Insulinempfindlichkeit.

Manche Personen, die Gruppe der sogenannten Non-Responder, profitieren nicht oder nur schlecht von Lebensstil-Änderungen. Eine Vorhersage über den Grad des Ansprechens ist bislang nur teilweise möglich, indem das Augenmerk auf bestimmte Stoffwechselgene oder phänotypische Merkmale wie etwa den Leberfettgehalt gelenkt wird. Hier kann zukünftige Forschung ansetzen, um Therapie- und Präventionsmaßnahmen noch stärker zu individualisieren.
 

Medikamente

Medikamente
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Zentrales Ziel einer medikamentösen Therapie des Diabetes mit metabolischem Syndrom ist in den meisten Fällen, den Zuckerstoffwechsel zu normalisieren. Drei verschiedene Medikamentengruppen kommen dabei meist zum Einsatz:

  • Sulfonylharnstoffe und Glinide zur Stimulierung der Insulinsekretion, günstige allerdings Gliptine oder Gliflozine
  • Metformin zur Minderung der Insulinresistenz und Bremsung der Zuckerneubildung in der Leber sowie
  • Alpha-Glukosidase-Inhibitoren zur Verlangsamung der Kohlenhydratresorption im Darm.

Wird damit keine angemessene Blutzuckereinstellung erreicht, kann im nächsten Schritt eine Insulintherapie in Erwägung gezogen werden.

Erhöhter Blutdruck wird mit ACE-Hemmern, AT-1-Rezeptor-Antagonisten oder auch Betablockern behandelt. Fettstoffwechselstörungen werden beispielweise mit Statinen, die die Neubildung von Cholesterin in der Leber unterbinden, und Cholesterin-Resorptionshemmern, die die Aufnahme von Cholesterin aus dem Darm hemmen, therapiert.

Orlistat ist ein Medikament zur Behandlung von Adipositas. Es hemmt die Zerlegung  von Nahrungsfetten im Magen-Darm-Trakt, so dass etwa 30 Prozent der mit der Nahrung aufgenommenen Fette unverdaut ausgeschieden werden.

Oft lassen sich bei der medikamentösen Therapie des metabolischen Syndroms Synergien ausnutzen, womit eine zu breitgefächerte Medikamentengabe vermieden wird. Zudem gilt es, gegenläufige Effekte, wie sie etwa bei der gemeinsamen Gabe von Betablockern und harntreibenden Diuretika auftreten können, auszuschließen.
 

Weitere Therapieformen

Auf der Suche nach neuen therapeutischen Ansätzen rücken auch körpereigene Substanzen in das Blickfeld. So haben Sportmediziner der Universität Bielefeld einen genaueren Blick auf die so genannten Adipozytokine geworfen. Diese im Fettgewebe gebildeten Substanzen spielen für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas eine wesentliche Rolle. Die Wissenschaftler sind nun auf der Suche nach nichtmedikamentösen Therapieformen, mit denen diese Stoffe positiv beeinflusst werden können.

Eine Operation zur Verkleinerung des Magens und/oder der Entfernung von Fettgewebe ist bei Patienten mit einem stark erhöhten Body-Mass-Index (BMI) letztes Mittel der Wahl und wird erst dann in Betracht gezogen, wenn andere Therapieansätze keine Wirkung zeigen.
 

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Quellen:

Letzte Aktualisierung:

19. November 2015

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