Diabetes und Krebs

Zwischen den beiden Volkskrankheiten Diabetes und Krebs scheint es nach Einschätzungen verschiedener Forscherinnen und Forscher eine Verbindung zu geben, darauf deuten verschiedene Studien hin. Dies betrifft vor allem Typ-2-Diabetes, die Datenlage zu Typ-1-Diabetes ist weniger eindeutig. Die genauen Ursachen sind gegenwärtig noch nicht bekannt, die Wissenschaft arbeitet allerdings mit Hochdruck daran, die Mechanismen zu enträtseln, um therapeutisch gegenzusteuern. Wichtig für Menschen mit Diabetes ist vor allem die regelmäßige Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen sowie ein ohnehin empfohlener gesunder Lebensstil.

IN KÜRZE

Zahlreiche Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen Typ-2-Diabetes und verschiedenen Krebsarten hin. Die genauen Mechanismen sind aber noch unverstanden.

Grundlagen: Diabetes und Krebs – wie hängt das zusammen?

Das Zusammenspiel von Diabetes und Krebs ist sehr komplex und schwer zu entschlüsseln. Beide chronischen Krankheitsbilder werden durch viele Faktoren beeinflusst und können sehr verschiedene Ausprägungen zeigen. Festzustehen scheint aber, dass die Zuckerkrankheit das krankhafte Wachstum mancher Zellen begünstigen kann. Das ergeben Bevölkerungsstudien, die die Daten von zahlreichen Patienten zusammenführen und so größere Zusammenhänge aufdecken können.

So zeigten beispielsweise US-Forscher in einer 16 Jahre andauernden Studie mit über einer Million Teilnehmern, dass Diabetes bei Frauen mit Darm- (7-43 Prozent häufiger als bei Menschen ohne Diabetes), Brust- (11-45 Prozent häufiger) und Bauchspeicheldrüsenkrebs (21-72 Prozent häufiger) assoziiert ist. Bei Männern waren ebenfalls der Darm (6-37 Prozent häufiger) und die Bauchspeicheldrüse (27-73 Prozent häufiger) betroffen, zudem die Leber (76-172 Prozent häufiger) und die Blase (14-80 Prozent häufiger).

Weiterhin in der Diskussion stehen Tumoren im Bereich der Harnwege und der weiblichen Reproduktionsorgane, wie andere Arbeiten berichten. Laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist bei Diabetespatienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung auch das Erkrankungsrisiko für Tumoren an Niere, Schilddrüse und Speiseröhre erhöht. Zudem stehen bestimmte Diabetesmedikamente im Verdacht, Tumoren auszulösen oder aber auch davor zu schützen.

Allerdings handelt es sich bei den Zusammenhängen keineswegs um eine Einbahnstraße: So können auch Krebserkrankungen zuckerkrank machen, und bestimmte Krebs-Therapeutika führen zu einer gestörten Glukosetoleranz und Stoffwechselveränderungen.

Risikofaktoren: wer verursacht was?

Wie genau Diabetes zur Bildung von Tumoren beitragen kann, ist noch nicht geklärt. Mehrere Faktoren sind hier unter Beobachtung. Eine Vermutung ist, dass erhöhte Insulinspiegel dafür verantwortlich sind, die der Körper bildet, um die schwächer werdende Wirkung des Hormons auszugleichen. Das kann dazu führen, dass ein zelluläres Notfallprogramm nicht mehr funktioniert, was normalerweise zum Tod der Zellen führt, wenn diese sich unkoordiniert teilen. Dieser Effekt wird zudem über den Signalweg des Insulinartigen Wachstumsfaktors 1 (IGF-1) verstärkt, der die Zellteilung weiter anregt.

Auch ein dauerhaft hoher Zuckerspiegel wird als mögliche Ursache für Tumorbildung genannt. Er könnte verschiedene Signalwege aktivieren und so das Zellwachstum sowie das Wanderverhalten von Zellen begünstigen. In der Diskussion sind beispielsweise der Epidermale Wachstumsfaktor (EGF) sowie mehrere Rezeptoren und Enzyme, die zelluläre Antworten auf die Signale von außen -  hier hoher Zuckerspiegel - steuern. Darüber hinaus werden auch die häufig mit Diabetes in Zusammenhang stehenden chronischen Entzündungsreaktionen sowie oxidativer Stress und hormonelle Veränderungen (Stichwort Adiponektin) genannt.

Vergleichsweise neu sind Studien dazu, ob Diabetesmedikamente Ursache für Krebserkrankungen sein können. Im Verdacht stehen etwa das Analog-Insulin Glargin, Sulfonylharnstoffe oder das Insulin selbst. Fachleute halten diese Studien aber teilweise für fragwürdig, da die Entwicklung der meisten Krebsarten in der Regel länger dauert als diese Medikamente bisher eingesetzt werden. Sollte ein solches Risiko tatsächlich vorliegen, wären die Auswirkungen demzufolge erst später nachzuweisen. Eine Metformintherapie scheint hingegen die Sterblichkeit durch Krebs im Vergleich zu Patienten ohne Diabetes sogar zu senken – laut einer britischen Studie mit mehr als 100.000 Teilnehmern um circa 15 Prozent.

Ähnlich verhält es sich auch mit den Ergebnissen einer 2013 veröffentlichten Studie: Darin hatten Wissenschaftler den DPP-4-Hemmer Sitagliptin und das GLP-1-Analogon Exenatid unter anderem mit dem erhöhten Auftreten von Bauchspeicheldrüsenkrebs in Verbindung gebracht. Hier sind nach Auffassung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) weitere Langzeitstudien unerlässlich. Sollten sich allerdings die Befunde der Wissenschaftler bestätigen, könnte dies Anlass zu einer grundsätzlichen Neubewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses für Inkretin-basierte Therapien geben.

Abseits von therapeutischen Substanzen ist ein weiterer wichtiger Faktor zudem das oft mit Typ-2-Diabetes verbundene Übergewicht der Patienten. Dies soll hier nicht weiter ausgeführt werden, da das Thema „Übergewicht und Krebs“ selbst Gegenstand zahlreicher Studien war und ist. Das nationale Gesundheitsinstitut der USA (National Institute of Health, NIH) hat das Wichtigste dazu auf seiner Webseite zusammengefasst. Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum warnt vor Krebs verursachenden Folgen von Übergewicht.

Auf der anderen Seite berichten Forscher auch von Krebsformen oder -medikamenten, die in der Lage sind Diabetes zu verursachen oder zu verschlimmern. So belegen Studien, dass manche Glukokortikoide direkt auf die Insulin produzierenden Betazellen wirken. Patienten, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt sind, entwickeln zudem vergleichsweise häufig Diabetes und andere Stoffwechselentgleisungen.

GUT ZU WISSEN

Menschen mit Diabetes sollten regelmäßig an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen und versuchen einen gesunden Lebensstil zu pflegen.

Vorbeugen: Welche Maßnahmen sollte man ergreifen?

Als Konsequenz aus den möglichen Zusammenhängen zwischen Diabetes und Krebs sollten Menschen mit Diabetes regelmäßig an Krebsvorsorgeuntersuchungen teilnehmen. Denn je früher ein Tumor erkannt wird, desto besser sind die Behandlungschancen. Beispielsweise habenalle Versicherten in Deutschland ab dem Alter von 50 Jahren Anspruch auf regelmäßige Untersuchungen zur Früherkennung von Darmkrebs. Anschließend sollten die Betroffenen die Untersuchung alle drei bis fünf Jahre wiederholen. Auch für andere Formen wie Brust- oder Gebärmutterhalskrebs existieren entsprechende Vorsorgeprogramme. Ob durch ein diabetesbedingt erhöhtes Risiko eine frühere Kontrolle ratsam ist, sollte mit den behandelnden Ärzten besprochen werden. Das Bundesministerium für Gesundheit bietet eine Übersicht zum gesetzlich anerkannten Früherkennungsprogramm 

Da auch die Therapie mit sehr hohen Insulinmengen im Verdacht steht, eine Krebserkrankung zu begünstigen, rät die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) bei der Therapie: so viel Insulin wie nötig, aber so wenig wie möglich. Eine Therapie mit dem Blutzucker senkenden Metformin hingegen bietet laut der Deutschen Diabetes Hilfe bei manchen Krebsarten eine schützende Wirkung. Daher sollten Ärzte gerade bei adipösen Menschen, die hohe Insulindosen spritzen, eine Kombination mit Metformin oder anderen Blutzucker senkenden Medikamente erwägen, um Insulin einzusparen.

Essenziell für Betroffene ist ohnehin ein gesunder Lebensstil: Fehlernährung, mangelnde Bewegung und Übergewicht sind nicht nur der Diabetesbehandlung abträglich, sondern erhöhen auch das Risiko für weitere Erkrankungen wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Komplikationen. Ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung und gesunder Ernährung kann hingegen vorbeugend wirken und zudem den Stoffwechsel verbessern.

Forschungsansätze: Was gilt es zu klären?

Entscheidend wird in den kommenden Jahren vor allem sein, die möglichen Verknüpfungen zwischen Krebs und Diabetes weiter zu entschlüsseln oder sie zu widerlegen. Bedingt das eine das andere oder beruhen die Krankheiten beide schlichtweg auf gleichen Risikofaktoren? Nur wenn eindeutig geklärt ist, welche Mechanismen sich in die eine oder andere Richtung auswirken, können Wissenschaftler anfangen, in diese Prozesse therapeutisch einzugreifen.

Auch gilt es zu klären, was in den durch Diabetes eigentlich nicht betroffenen Organen geschieht: Im Gegensatz zur Leber, den Muskeln und dem Fettgewebe sind der Darm oder die Brust bisher nicht mit Diabetes und der Wirkung von Insulin in Verbindung gebracht worden. Und doch scheint sich der veränderte Stoffwechsel auf das Krebsrisiko in diesen Organen auszuwirken.

Auch die Langzeitwirkung von Diabetesmedikamenten steht unter Beobachtung: Sollte es sich bestätigen, dass bestimme Mittel das Krebsrisiko erhöhen, würde das vermutlich Konsequenzen in der Therapie nach sich ziehen. Manche Medikamente wie das Analog-Insulin Glargin werden erst seit Anfang der 2000er Jahre verabreicht, eine Krebserkrankung entwickelt sich aber in der Regel über zwei bis drei Jahrzehnte. Dazu werden weitere Studien Auskunft geben müssen.

Auch therapeutische Möglichkeiten werden erforscht: So machen sich Forscher beispielsweise Gedanken, ob die bei Übergewicht eingesetzte bariatrische Chirurgie sich auch hemmend auf das Wachstum von Tumoren auswirkt.

Das relativ junge Feld der Epigenetik bietet ebenfalls neue Ansätze zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Diabetes und Krebs. So befassen sich verschiedene Studien damit, ob als molekulare Marker oder gar Ursache die sogenannten microRNAs in Frage kommen. Dabei handelt es sich um kleine Moleküle, die die Aktivität bestimmter Gene beeinflussen können. Sollten sich hier Zusammenhänge zeigen, könnte man versuchen in diese einzugreifen.

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Quellen:

Letzte Aktualisierung:

15. September 2016

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