Adipositas: Therapie

Wie wird Adipositas behandelt?

Adipositas gilt heute als Krankheit, und als solche braucht sie eine konsequente Therapie. Aus vielerlei Gründen schaffen es Übergewichtige oft nicht, sich selbst aus dem komplexen Dilemma zu befreien. Das Behandlungskonzept sollte daher individuell maßgeschneidert sein. Gegenregulationsmechanismen des Körpers, der sein Gewicht konstant halten will, müssen durch intelligente Strategien überlistet werden.

Eine Gewichtsreduktion ist angezeigt bei einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 und mehr. Aber auch Menschen mit einem BMI von 25 bis 30, die zusätzliche Risikofaktoren – bauchbetonte Fettverteilung, Hypertonie, Typ-2-Diabetes – aufweisen, sollten abnehmen.

Grundsätzlich sollte die Behandlung der Adipositas auf drei Säulen stehen:

Daneben gibt es noch medikamentöse und chirurgische Behandlungsansätze:

Realistische Ziele stecken

Maßgeblich für den Erfolg ist die Festlegung realistischer Ziele, sonst sind Frustrationserlebnisse vorprogrammiert. Das früher oft beschworene Idealgewicht gibt es nicht, für jeden Menschen sollte ein individuelles und erreichbares Gewicht angepeilt werden. Das Zielgewicht sollte die gesundheitlichen Risiken möglichst verringern, andererseits sollte die erforderliche Umstellung des Lebensstils die Lebensqualität – als subjektive Größe – nicht beschneiden.

Entscheidend ist, dass Übergewichtige dauerhaft abnehmen und das neue Gewicht halten. Eine langfristig stabile Gewichtsabnahme um fünf bis zehn Prozent gilt als Erfolg. Bei Gewichtsveränderungen in dieser Größenordnung ist ein deutlicher gesundheitlicher Zugewinn zu erwarten.

GUT ZU WISSEN:

Fünf bis zehn Prozent Gewichtsabnahme können ausreichen, um die Gesundheit zu verbessern. 

Übergewicht als Dauerthema

Adipositas ist in aller Regel ein chronisches Phänomen. Deshalb müssen Übergewichtige ihre Lebensgewohnheiten auf Dauer umstellen und dabei brauchen sie Langzeit-Unterstützung. Eine gute Motivationshilfe kann die bildhafte Vorstellung sein, wie sich das Leben durch die Gewichtsabnahme zum Guten verändern wird. Viele Übergewichtige nehmen gar nicht mehr wahr, wie sehr ihr Leben durch die vielen Kilos eingeschränkt ist.

Frustrierender Jojo-Effekt

Oft steigt das Gewicht nach zunächst erfolgreicher Diät wieder an. Das Gewicht klettert dann häufig sogar auf ein Niveau, das noch höher liegt als das Ausgangsgewicht vor der Diät. Dieses frustrierende Phänomen wird als Jojo-Effekt bezeichnet. Im Leben von Übergewichtigen spielen sich solche Zyklen aus Gewichtsabnahme und erneutem Gewichtsanstieg häufig serienmäßig ab. Der Jojo-Effekt beruht meist darauf, dass Menschen nach einer Gewichtszunahme langsam wieder zu ihren alten Essgewohnheiten zurückkehren. Um das neue Gewicht zu halten, muss die Energiezufuhr aber dauerhaft verringert werden. Der Körper verfügt über starke Gegenregulationsmechanismen, um wieder zum Ausgangsgewicht zu gelangen.

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Kann man den Jojo-Effekt nach Diäten umgehen? Dr. Pfluger vom Institut für Diabetes und Adipositas am Helmholtz Zentrum München erklärt den Leptin-Regelkreis im Interview mit dem Diabetesinformationsdienst München.

Abnehmen: Wie sollte die Ernährung umgestellt werden?

Zum Abnehmen am besten geeignet ist eine kalorienreduzierte Mischkost. Die aufgenommene Kalorienmenge sollte den – für das jeweilige Körpergewicht typischen – Tagesbedarf um 500 bis 800 Kilokalorien unterschreiten.
 

Fisch statt Fleisch

Die Nahrung sollte weniger Fett enthalten, wobei man vor allem tierische Fette in reduzierten Mengen zu sich nehmen sollte. Zu bevorzugen sind pflanzliche Fette, die vorwiegend ungesättigte Fettsäuren und kein Cholesterin enthalten. Statt rotem Fleisch sollte man öfter fettarmes Geflügel, Milch und Milchprodukte sowie Fisch essen, die zudem zu einer ausgewogenen Eiweißbilanz beitragen.
 

Besser komplex als einfach

Einen relativ hohen Nahrungsanteil sollten komplexe Kohlenhydrate wie Stärke ausmachen. Die langkettigen Moleküle müssen erst in verwertbare Glukosebausteine gespalten werden, so dass der Blutzucker langsam und über einen längeren Zeitraum ansteigt. Bei der Aufnahme von größeren Mengen einfacher Kohlenhydrate – Traubenzucker, Haushaltszucker vor allem in Getränken – schnellt der Blutzucker dagegen in die Höhe. Daraufhin wird viel Insulin ausgeschüttet und der Blutzuckerspiegel fällt rasch wieder ab. Diese Schwankungen sind nicht zuletzt deshalb ungünstig, weil schnell erneut Hungergefühle ausgelöst werden können.
 

Crash-Diäten werden oft zum Bumerang

Das Abnehmen mit kalorienreduzierter Mischkost hat im Unterschied zu "Crash-Diäten" den großen Vorteil, dass die richtigen Ernährungsmuster eingeübt werden, die auch langfristig – bei dann wieder etwas gesteigerter Kalorienmenge – beibehalten werden sollen. Langsam und langfristig lautet beim Abnehmen die Devise. Crash-Diäten werden oft zum Bumerang, weil das Gewicht anschließend schnell wieder nach oben ausschlägt. Daher ist von extremen und einseitigen Diäten abzuraten.
 

Flexibel bleiben

Für den Langzeiterfolg ist wichtig, dass die neuen Essgewohnheiten eine gewisse Flexibilität aufweisen. So sollte man sich zum Beispiel "Lieblingsessen" nicht ganz versagen, auch wenn sie nicht den Ernährungsempfehlungen entsprechen. Man hat damit auch keine 'Sünde' begangen – eine solche Sichtweise schafft nur unnötigen Druck.

Wichtig ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was man isst, und den Schwerpunkt auf günstige Nahrungsmittel zu verlagern. Starre Kontrollmechanismen etwa beim Kalorienzählen brechen schnell zusammen, was dann nicht selten zu 'Rückfällen' in alte Muster führt.

Bewegung ohne "Quälerei"

No Sports – dieses legendäre Zitat des britischen Staatsmanns Winston Churchill gibt wieder, was viele Menschen mit Übergewicht denken. Deshalb müssen bei der Abnehmstrategie in puncto Bewegung Ziele gesteckt werden, die auch für Sportmuffel zu realisieren sind.

Gesteigerte körperliche Bewegung sollte jede Ernährungsumstellung begleiten: Bewegung kann einerseits zur verbesserten Energiebilanz beitragen und verhindert andererseits einen Verlust an Muskelmasse und eine dadurch bedingte Absenkung des Grundumsatzes. Auch bei der Stabilisierung des erreichten Gewichts ist regelmäßige Bewegung wichtig.

Bewegung im Alltag

Walking
© Westend61 GmbH

Das heißt aber nicht, dass ein umfangreiches Sportprogramm absolviert werden muss. Es kann schon sehr viel bringen, die körperliche Bewegung im Alltag zu erhöhen. Also: Treppensteigen statt Aufzugfahren, zum gemeinsamen Abend mit Freunden nicht mit dem Auto fahren, sondern mit dem Rad. Sinnvoll ist der Einsatz eines Schrittzählers, mit dessen Hilfe man das Bewegungspensum im Alltag gut objektivieren kann.

Als ideal gelten 10.000 Schritte täglich. Zum Vergleich: Ein Büroangestellter kommt während eines 8-Stunden-Tages gerade mal auf 3.000 Schritte. Eine praktikable Strategie, das Bewegungspensum im Alltag zu steigern, ist die Devise "3.000 Schritte täglich mehr als gewöhnlich". Damit lassen sich laut einer Studie, die am Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule in Köln durchgeführt wurde, signifikante Verbesserungen des Stoffwechsels erzielen.

GUT ZU WISSEN

Ausdauersportarten wie Fahrradfahren und Schwimmen sind ideale Bewegungsformen.

Als Bewegungsarten sind Ausdauersportarten wie Fahrradfahren und Schwimmen ideal, aber auch schon regelmäßige Spaziergänge bringen viel. Mindestens dreimal, besser fünfmal die Woche eine halbe Stunde, empfehlen die Experten. Richtungsweisend für die Auswahl der geeigneten Bewegungsart sind individuelle Neigung sowie Fitness und Begleiterkrankungen. So ist zum Beispiel bei Übergewichtigen mit Knieproblemen häufiges Treppensteigen nicht angezeigt. Schwimmen und Radfahren ist dann besser. 

Es werden diverse Schulungsprogramme angeboten, die Übergewichtigen helfen, sich mehr zu bewegen und dabei sogar Spaß an der Bewegung zu entwickeln. Einige Programme wurden speziell für übergewichtige Kinder entwickelt (zum Beispiel Fitoc, AdiFit).

Was leistet die Verhaltenstherapie?

Eingefleischte Verhaltensmuster laufen fast automatisch ab und sie abzulegen, ist äußerst schwer. Das neue Verhalten muss regelrecht trainiert werden. Und dazu gibt es spezielle Techniken.

Zu den verhaltenstherapeutischen Strategien bei Adipositas gehören

  • Motivationsförderung
  • Stimuluskontrolle
  • kognitive Umstrukturierung
  • Stressmanagement und
  • soziales Kompetenztraining

Zunächst muss man herausfinden, was die individuellen Fallstricke sind. Stress kann ein solcher Fallstrick sein, oder auch Einsamkeit kann zu vermehrtem Essen führen. Andere Menschen essen dagegen am meisten, wenn sie sich in Gesellschaft befinden.

Im zweiten Schritt werden alternative Verhaltensweisen entwickelt. Impulsgesteuertes Essen etwa bei Stress kann man durch ritualisierte Zwischenhandlungen aushebeln. Ein Beispiel: Jedes Mal, wenn man den Essimpuls verspürt, greift man zur Gießkanne und gießt die Blumen. Auf diese Weise soll das automatische Abspulen der Verhaltenskaskade unterbrochen werden. Die Zwischenhandlung überbrückt die Zeit, bis sich der Essimpuls verflüchtigt hat.
 

Sich selbst auf die Schliche kommen

Manche psychischen Konstellationen verlangen allerdings nach einer tiefer greifenden Verhaltenstherapie, die versucht, der Motivation für das Essen auf die Schliche zu kommen. Unser Verhalten beruht auf Lernvorgängen. Wenn man beispielsweise gelernt hat, dass Nahrungsaufnahme traurige Stimmung vertreiben kann, wird man dazu neigen, jedes Mal etwas zu essen, wenn man in diese Stimmung kommt.

Die so genannte kognitive Umstrukturierung hat ein Umlernen zum Ziel. Das "automatische" Essen soll durch alternative Verhaltensweisen ersetzt werden. So könnte man, wenn Traurigkeit aufkommt, statt zu essen beispielsweise Freunde anrufen.

Helfen Medikamente beim Abnehmen?

Medikamente
© Digitalpress / Fotolia.com

Medikamente haben in der Adipositas-Therapie bislang keinen durchschlagenden Erfolg gebracht.

Derzeit befinden sich nur wenige wissenschaftlich geprüfte Medikamente zur Unterstützung der Adipositas auf dem Markt. Medikamente sollen nur begleitend zur kalorienreduzierten Diät angewendet werden, und zwar nur dann, wenn die Lebensstilumstellung allein nicht zum Erfolg verhilft.

Der Wirkstoff Orlistat reduziert die Fettresorption aus dem Darm und damit die Kalorienaufnahme. Als Nebenwirkungen stehen Magen-Darm-Probleme im Vordergrund. Mit der Einnahme von Orlistat, jeweils zu einer Hauptmahlzeit, ist eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von zwei bis vier Kilogramm zu erwarten. 

Liegt neben Adipositas auch ein Typ-2-Diabetes vor, können sogenannte GLP-1-Mimetika eingesetzt werden. Diese Medikamente ahmen die GLP-1-Wirkung nach und müssen gespritzt werden. Sie senken nicht nur den Blutzucker, sondern auch das Körpergewicht, im Mittel ebenfalls um zwei bis vier Kilogramm.

Liraglutid ist in höherer Dosierung (3 mg) auch für die alleinige Behandlung von Adipositas zugelassen. 

Ein anderes neu zugelassenes Medikament kombiniert die Substanzen Bupropion und Naltrexon und ermöglicht damit eine Gewichtssenkung um etwa fünf Prozent.

Der Wirkstoff Cathin (oder Nor-Pseudoephedrin) stammt ursprünglich von Khat-Blättern und hat eine appetitzügelnde Wirkung, die zu einer ähnlichen Gewichtsabnahme führt.  

Alle Substanzen sind verschreibungspflichtig, die Behandlungskosten werden aber von den Krankenkassen in der Regel nicht erstattet. Wegen möglicher Nebenwirkungen ist ein vorsichtiger und ärztlich überwachter Einsatz unabdingbar. 

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Schweres Übergewicht und Typ-2-Diabetes: wie sehen Behandlungskonzepte der Zukunft aus? Video-Interview mit Prof. Matthias Tschöp, Institut für Diabetes und Adipositas am Helmholtz Zentrum München.

Vorsicht vor unseriösen Angeboten

Da Adipositas gute Geschäfte verspricht, gibt es auf dem Markt eine Vielzahl nicht seriöser Angebote. Von der Anwendung frei verkäuflicher Appetitzügler raten Experten einhellig ab. Besondere Vorsicht ist immer dann geboten, wenn Hersteller großartige Versprechungen machen.

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Informationen zum Inhalt

Quellen:

  • Deutsche Adipositas Gesellschaft (Hrsg.): Evidenzbasierte Leitlinie Therapie und Prävention der Adipositas (Letzter Abruf: 15.07.2016)
  • Hauner, H.: Möglichkeiten der Adipositasbehandlung. In: Der Internist. Epub 3/2011
  • Holzapfel, C. et al.: Gewichtserhaltung nach Gewichtsabnahme – wie der Körper sein Gewicht verteidigt. In: Dtsch Med Wschr, 2011, 136: 89-94
  • Wirth A. et al.: Klinische Leitlinie: Prävention und Therapie der Adipositas. In: Dt. Ärzteblatt 2014;111:705-13 

Letzte Aktualisierung:

29. November 2018

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