Adipositas: Risikofaktoren

Bei der Entstehung von Adipositas können verschiedene Faktoren eine Rolle spielen: Lebensstil, genetische Veranlagung sowie psychische Ursachen. Die Gewichtung dieser Faktoren ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Während Übergewicht in der Gesellschaft meist als Problem von Willensschwäche wahrgenommen wird, hat die medizinische Forschung längst gezeigt, dass dieses populäre Erklärungsmodell den Betroffenen nicht gerecht wird. Menschen mit Adipositas sind oft in ein vielschichtiges Geschehen verstrickt, aus dem sie ohne Hilfe nur schwer heraus finden.

Der Verdacht, dass bei Übergewichtigen die Hunger- bzw. Sättigungsregulation gestört sein könnte, hat sich bislang nur teilweise bestätigt. Im Gehirn gibt es eine Schaltzentrale, die verschiedene Signale – u.a. aus dem Magen-Darm-Trakt und von den Fettzellen – empfängt und in Abhängigkeit dieser Signale ein Hunger- oder Sättigungsgefühl auslöst.

Wie entsteht Adipositas - Nur eine Frage des Lebensstils?

In seinem Vortrag beim 3. Patiententag des Diabetesinformationsdienstes am Helmholtz Zentrum München gibt Privatdozent Dr. Andreas Lechner (Klinikum der Universität München) einen umfassenden Überblick zu Ursachen, Entstehung und Verbreitung von Typ-2-Diabetes und Adipositas. Dabei geht er insbesondere auf Fragen des Lebensstils und mögliche genetische bzw. epigenetische Ursachen ein.
(Vortragsdauer: 19,7 Minuten)

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Welche Rolle spielt der Lebensstil?

Die dramatische Zunahme übergewichtiger bzw. adipöser Menschen mit steigendem Wohlstand unterstreicht die Bedeutung des Lebensstils. Überernährung einerseits und Bewegungsmangel andererseits bringen die tägliche Energiebilanz aus dem Lot und treiben so das Körpergewicht in die Höhe.

Nahrungsmittel sind permanent verfügbar und werden verführerisch präsentiert. Die eigentliche – lebenserhaltende – Funktion der Nahrungsaufnahme ist im Bewusstsein in den Hintergrund getreten. Essen ist heute häufig vom Genuss und vom überall verfügbaren verführerischen Angebot geleitet. Leicht kann sich dabei eine Überernährung einschleichen, die langfristig zu Übergewicht bzw. Adipositas führt.

 

Zu viel Nahrung, zu wenig Bewegung

Hinzu kommt, dass sich die Zusammensetzung unserer Nahrung ungünstig verändert hat. Der Fettanteil hat sich deutlich erhöht und macht heute fast 40 Prozent der Kalorien aus. Auch der Zuckerkonsum ist stark anstiegen. Abgenommen hat dagegen der Verzehr komplexer Kohlenhydrate wie Stärke. Viel Fett, viel Zucker, relativ wenig komplexe Kohlenhydrate – diese Komposition ist das genaue Gegenteil von dem, was Experten empfehlen.

Und auch auf den Energieverbrauch wirkt sich der moderne Lebensstil ungünstig aus. Viele Menschen bewegen sich heutzutage zu wenig – bedingt durch überwiegend sitzende Tätigkeiten und eine verbreitete Unlust, zum Ausgleich Sport zu treiben. Viele wären wahrscheinlich überrascht, wie wenig sie sich bewegen, wenn sie dies einmal mit Hilfe eines Schrittzählers messen würden.

Der Grundstein für einen ungünstigen Lebensstil wird schon in der Kindheit gelegt. Nicht selten bekommen Kinder ungesundes Verhalten von den Eltern vorgelebt. Hinzu kommt, dass es die Berufstätigkeit oft beider Eltern mit sich bringt, dass Kinder seltener als früher "geregelte" Mahlzeiten gemeinsam mit der Familie einnehmen. Auf der anderen Seite bewegen sich Kinder weniger als früher, nicht zuletzt deshalb, weil in den Städten kaum Areale für eine kindgerechte Freizeit vorhanden sind. Zudem haben sich die Freizeitgewohnheiten geändert. 

Welche Rolle spielen die Gene?

Die Gene spielen bei der Entwicklung von Übergewicht eine wichtige Rolle. In sehr seltenen Fällen können einzelne dominante Gene eine Adipositas auslösen, einige solcher Gene sind identifiziert. Allerdings sind diese Gene bei der großen Zahl von Übergewichtigen nicht mit im Spiel. Man geht vielmehr heute davon aus, dass bei den meisten Übergewichtigen mehrere genetische Faktoren zusammenspielen und in gemeinsamer Aktion die Entwicklung von Übergewicht begünstigen.

Kandidatengene hierfür sind zum Beispiel solche Gene, die Hunger und Sättigung regulieren, oder Gene, die darüber entscheiden, ob ein Mensch ein guter Nahrungsverwerter ist. Bereits entschlüsselt wurde eine Variante des so genannten FTO-Gens, die bei Übergewichtigen gehäuft gefunden wird. Unter Beteiligung der TU München und des Helmholtz Zentrums München wurde entdeckt, dass dabei die Wärmebildung im Fettgewebe unterdrückt ist, und damit der Energieverbrauch sinkt. Auch Gene, die einen – wenn auch jeweils geringen – Einfluss auf die Fettverteilung nehmen, hat man entdeckt. So sind unterschiedliche Konstellationen verschiedener Gene als Hintergrund für die Entwicklung von Übergewicht denkbar. Die Forschung in diese Richtung läuft auf Hochtouren.

Kurz erklärt:

Gene spielen bei der Entwicklung von Übergewicht eine große Rolle.

Genetisch bedingte Leptinresistenz?

Enttäuscht wurde die Hoffnung, bei Übergewichtigen einen genetisch bedingten Leptinmangel zu finden. Die Entdeckung des von Fettzellen produzierten Sättigungshormons hatte in den neunziger Jahren großes Aufsehen erregt. Man glaubte, einen Schlüssel für die Behandlung der Adipositas gefunden zu haben.

Im Zwischenhirn, genauer im Hypothalamus, befindet sich die Schaltzentrale, von der Sättigung oder Hunger ausgelöst werden. Leptin fungiert für diese Schaltzentrale als wichtiges Signal: Es unterdrückt das Hungergefühl, und man nahm an, Übergewichtige würden zu wenig Leptin produzieren. Das stellte sich als falsch heraus. Ganz im Gegenteil: Übergewichtige haben hohe Leptinspiegel im Blut, aber die Empfindlichkeit gegenüber Leptin ist bei ihnen gestört. Heute geht man davon aus, dass bei Adipositas eine Art von Leptinresistenz im Gehirn vorliegt.

Welche Rolle spielt die Psyche?

Immer mehr gerät der Zusammenhang zwischen Psyche und Adipositas in den Blickwinkel. Weit verbreitet ist das Phänomen des Stress-Essens, das nicht nur übergewichtige Menschen kennen. Bei Stress werden große Mengen des Hormons Cortisol ausgeschüttet, wobei diese Stressantwort normalerweise rasch wieder herunter gefahren wird. Es gibt aber Menschen, bei denen die Cortisolachse ständig aktiviert ist. Dadurch wird eine gesteigerte Nahrungsaufnahme gefördert, was auf Dauer zu Übergewicht bzw. Adipositas führen kann. In der Tat sind bei vielen Übergewichtigen die Cortisolspiegel geringgradig erhöht.

Serotonin sättigt und macht gute Laune

Nicht nur Stress, auch depressive Verstimmungen sind mit Übergewicht verknüpft. Zwischen Adipositas und Depression dreht sich ein Teufelskreis: Adipositas kann zu Depressionen führen, und umgekehrt besteht bei depressiver Stimmungslage die Gefahr einer gesteigerten Nahrungszufuhr. Biochemisches Bindeglied zwischen Adipositas und Depression ist Serotonin, ein Botenstoff im Gehirn. Hohe Konzentrationen von Serotonin wirken stimmungsaufhellend, niedrige Konzentrationen sind bei Menschen mit Depressionen verbreitet. Aber nicht nur bei depressiven, auch bei manchen adipösen Menschen ist der Stimmungsmacher Serotonin erniedrigt.

Und auch bei Essstörungen ist Serotonin mit im Spiel. Serotonin in hohen Konzentrationen fährt nämlich den Appetit herunter. Bei niedrigem Serotonin dagegen entstehen Hungergefühle und es kann zu Heißhungerattacken kommen. Kohlenhydratreiche Nahrung führt – über Insulin – zu einer gesteigerten Aufnahme der Serotoninvorstufe Tryptophan aus dem Blut ins Gehirn und damit zu einem Anstieg des Serotoninspiegels.

Hunger und Sättigung: Viele Fragen offen

Allerdings ist Serotonin nur ein wichtiger Faktor in diesem System. Es gibt daneben weitere, über deren Zusammenspiel noch wenig bekannt ist. in Wirklichkeit ist die Regulation von Hunger und Sättigung sehr kompliziert, und es bleibt eine große Herausforderung dieses System zu verstehen und dafür neue Behandlungsansätze zu entwickeln.

Heißhungerattacken

Periodisch auftretende Heißhungerattacken sind typisch für das so genannte Binge Eating, das zu den Essstörungen zählt. Essstörungen sind ganz allgemein dadurch gekennzeichnet, dass sich das Denken der Betroffenen fast pausenlos ums Essen dreht. Einige Essstörungen – Binge Eating, Esssucht, eventuell auch Bulimie – können zu Adipositas beitragen. Die Ursachen für die Entstehung von Essstörungen sind komplex, wobei man davon ausgeht, dass der in unserer Gesellschaft herrschende Schlankheitswahn dabei eine wichtige Rolle spielt.

GUT ZU WISSEN:

Übergewicht bzw. Adipositas und zu starke Gewichtszunahme in der Schwangerschaft begünstigen das Auftreten eines Schwangerschaftsdiabetes.

Adipositas in der Schwangerschaft

Auch in der Schwangerschaft werden Übergewicht bzw. Adipositas immer mehr zu einem Problem. Etwa jede dritte schwangere Frau ist heute übergewichtig, etwa jede achte adipös. Damit ist nicht nur ein erhöhtes Missbildungsrisiko verbunden, sondern auch mit mehr geburtshilflichen Komplikationen zu rechnen. Sowohl ein erhöhtes Gewicht vor der Schwangerschaft als auch eine zu hohe Gewichtszunahme in der Schwangerschaft – meist als Folge von Überernährung – verursachen zudem ein erhöhtes Risiko für die Kinder, selbst frühzeitig Übergewicht zu entwickeln.

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Warum leiden manche Menschen nach Diäten unter dem Jojo-Effekt? Dr. Pfluger vom Institut für Diabetes und Adipositas erklärt den Zusammenhang mit dem Leptin-Regelkreis. Video-Interview mit dem Diabetesinformationsdienst München.

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Quellen:

Letzte Aktualisierung:

29. November 2018

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