Ernährung als Therapie – Das Experteninterview

18. Sep 2013

Ernährungsumstellung und regelmäßige körperliche Bewegung bilden die Basis der Therapie des Typ-2-Diabetes. Hinsichtlich Ernährungsempfehlungen gibt es jedoch noch viel Unsicherheit, viele Diabetiker sind nach dem Kenntnisstand früherer Jahre geschult. Der Diabetesinformationsdienst München sprach mit Prof. Dr. Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin mit Standorten in München am Georg-Brauchle-Ring und am Wissenschaftszentrum Weihenstephan. Er leitet am Helmholtz Zentrum München die klinische Kooperationsgruppe „Nutrigenomics und Typ-2-Diabetes“.

Portrait Prof. Hauner

Prof. Dr. Hans Hauner

Es heißt ja immer wieder, Menschen mit Diabetes müssten auf Vieles verzichten, Übergewicht sollte vermieden werden. Zucker, Alkohol und Fast Food seien tabu. Auf der anderen Seite klagen Menschen mit Diabetes gesunde Ernährung sei kostspielig und mühsam. Was ist dran an diesen landläufigen Meinungen?

Richtig ist zunächst, dass die Ernährung bei der Entstehung und später bei der Behandlung des Typ-2-Diabetes eine zentrale Rolle spielt. Der wichtigste Risikofaktor ist zweifellos das Übergewicht als Folge vor allem einer Überernährung.
Liegt Übergewicht vor, dann kann durch eine Gewichtsabnahme von etwa 5 bis 10 % meist eine deutliche Besserung der Blutzuckerwerte erreicht werden, sodass dann sogar auf Medikamente verzichtet werden kann. Die Gewichtsabnahme lässt sich am besten durch eine Kombination von weniger Fast Food und fettreichen Lebensmitteln bzw. Speisen erreichen. Dafür darf und soll mehr Gemüse und Obst gegessen werden, um satt zu werden. Alkohol ist oft bei Männern ein Problem und sollte dann verringert werden. Diese Umstellung erfordert eine gute Beratung, da sich die Menschen heute recht unterschiedlich ernähren und damit die Probleme recht unterschiedlich sein können.
Oft gelingt es bereits mit einfachen Maßnahmen, die Ernährung zu verbessern und das Gewicht etwas zu senken. Eine gesunde Ernährung ist dabei nicht unbedingt teurer, sondern vielfach sogar kostengünstiger als zu viel Fast Food. Zucker ist übrigens nicht der Hauptübeltäter, sodass gegen Zucker in Maßen nichts einzuwenden ist, es ist die Gesamtmenge an Kalorien, auf die es ankommt.


Der größte Feind bei Diabetes ist Übergewicht, wovon auch immer mehr Typ-1-Diabetiker betroffen sind. Unterscheidet sich eine Ernährungstherapie für Typ-1- und Typ-2-Diabetiker?

Die Ernährungstherapie ist bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes von der Zusammensetzung her gleich, es sollte immer eine gesundheitsförderliche, ausgewogene Kost sein. Bei Typ-2-Diabetes ist aber stark auf den Energiegehalt zu achten, damit das Gewicht unter Kontrolle bleibt. Es gibt immer mehr Menschen mit Typ-1-Diabetes, die übergewichtig sind. Dann sollten auch diese Personen ihre Kalorienaufnahme begrenzen. Nicht selten liegt es aber an der Insulintherapie, nämlich wenn Insulinmengen und Energiebedarf nicht gut zusammenpassen. Man kann zwar hohe Blutzuckerwerte „wegspritzen“, der Preis ist dann aber oft eine stärkere Gewichtszunahme. Deshalb geht es beim Typ-1-Diabetes auch nicht ohne eine gewisse Disziplin beim Essen.


Viele Menschen, die Kalorien sparen und abnehmen wollen, greifen zu Süßstoffen. In einem vor kurzem erschienenen Artikel der Süddeutschen Zeitung heißt es, Süßstoffe könnten Übergewicht und die damit verbundenen Krankheiten wie Typ-2-Diabetes sogar fördern. Sind Süßstoffe für Diabetiker empfehlenswert oder nicht? Ist Fruchtzucker eine Alternative?

Aus den dazu vorliegenden Studiendaten wurden hier einseitige bzw. falsche Schlussfolgerungen gezogen. Die Verwendung von Süßstoffen hat bei vielen Menschen eine Alibifunktion. Sie verschaffen sich durch süßstoffgesüßte Lebensmittel und Getränke eine Ausrede und machen sich sonst wenig Gedanken um eine gesunde Ernährung. Werden Süßstoffe bewusst eingesetzt, so sind sie eine gute Möglichkeit, um Kalorien einzusparen und trotzdem den süßen Geschmack zu genießen.
Fruchtzucker ist keine gute Alternative, weil er bei vielen Menschen zu Darmbeschwerden mit Blähungen und Bauchschmerzen führt, die aber in der Regel harmlos sind.


Nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand benötigen Diabetiker keine speziellen Diabetiker-Lebensmittel, seit Oktober 2012 dürfen Lebensmittel nicht mehr als solche gekennzeichnet werden. Beim Bäcker gibt es jetzt z. B. Eiweißbrot mit ca. 26 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm und wenig Kohlenhydraten. Wie stehen Sie zu solchen Angeboten?

Davon halte ich wenig, zumal das Eiweißbrot meist recht teuer ist. Es ist aber vertretbar, dass Menschen mit Diabetes Kohlenhydrate einsparen und stattdessen mehr Eiweiß verzehren, solange sie gesunde Nieren haben. Dazu kann man aber beispielsweise auch mehr Milchprodukte verwenden. Menschen mit Diabetes benötigen keine besonderen Lebensmittel, sondern sollen sich von den normalen Lebensmitteln ausgewogen ernähren.


Ziel einer Ernährungsumstellung bei Diabetes sollte eine ausgewogene gesunde Mischkost sein. Wie kann es gelingen, langfristig seine Ernährung zu ändern?

Dazu ist es zunächst sinnvoll, sich die eigene Ernährung bewusst zu machen, in dem man z.B. ein Protokoll führt. Dabei wird vielen klar, wie oft sie zwischendurch essen oder doch zu große Mengen konsumieren, obwohl kein Hunger besteht. Ein solches Protokoll führt bereits bei manchen Menschen dazu, sich bewusster zu ernähren. Es ist aber meist sinnvoll, sich von einer Ernährungsfachkraft beraten zu lassen. Oft reichen dann einfache Änderungen aus, um eine gesündere Ernährung zu erreichen, ohne dabei an Genuss einzubüßen. Wer dabei Unterstützung wünscht, kann sich gerne an uns wenden.


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