Experten-Interview

„Wir brauchen ein digitales Diabetes-Präventionszentrum“

17. Apr 2018

Schätzungen zufolge ist in Deutschland nahezu jede/r Zehnte von Diabetes betroffen. Die Kosten für Prävention, Therapie und Arbeitsausfälle belaufen sich nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) auf mehr als 16 Milliarden Euro im Jahr. Entsprechend groß ist der Bedarf an moderner Versorgungsforschung. Im Interview mit dem Diabetesinformationsdienst erklärt Prof. Dr. Martin Hrabě de Angelis, Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD), die Idee eines digitalen Diabetes-Präventionszentrums.

© Technische Universität München

 

Herr Prof. Hrabě de Angelis, ein digitales Diabetes-Präventionszentrum: Das klingt ein bisschen nach Science Fiction – was bedeutet der Begriff genau?

Im digitalen Diabetes-Präventionszentrum, kurz DDPC, wollen wir bereits vorhandene Gesundheits- und Forschungsdaten aus unterschiedlichsten Quellen zusammenführen und mithilfe von innovativen IT-Technologien wie etwa künstliche Intelligenz und  Data-Mining auswerten. Wir hoffen, so unterschiedliche Diabetes-Subtypen zu identifizieren und spezifische Präventions- und Therapieansätze entwickeln zu können.

Das DDPC ist als nationale Initiative mit verschiedenen Standorten in Deutschland konzipiert. Die mathematische und informationstechnische Expertise bringt das Helmholtz Zentrum München ein, die klinische Expertise kommt unter anderem vom DZD. Das Besondere daran wäre, dass die Menschen, die sich beteiligen und ihre Daten zur Verfügung stellen, auch einen konkreten Mehrwert haben. Sie erhalten eine individuelle Diabetesprävention, wissenschaftlich fundiert und frei von kommerziellen Interessenslagen.

Welche Gründe sprechen für das DDPC?

Wir in Deutschland laufen Gefahr, bei der Erforschung und Analyse der Krankheit den Anschluss zu verlieren. Bei Krebserkrankungen beispielsweise ist eine nationale Strategie bereits etabliert: Hier gibt es eine gesetzliche Vorgabe, Krankheitsverläufe und deren Behandlung zu erfassen und langfristig auszuwerten. Auch gibt es große Unterschiede in der regionalen Versorgung von Menschen mit Diabetes, die man durch ein solches Register zutage fördern könnte.

Zudem könnte die Behandlung der Patienten durch ein DDPC weiter personalisiert und verbessert werden. Mit Hilfe eines Patientenregisters können wir beispielsweise auswerten, wie hilfreich Therapien mit bestimmten Medikamenten sind – und welche Wirkungen nicht medikamentöse Maßnahmen wie Patientenschulungen und begleitende Lebensstiländerungen haben.

Erst kürzlich hat eine schwedische Arbeit gezeigt, dass wir es bei Diabetes mit weit komplexeren Untertypen zu tun haben, als man bisher meint. Diese unterschiedlichen Formen von Diabeteserkrankungen könnte man mit Hilfe des DDPC besser identifizieren und maßgeschneiderte Therapien entwickeln.

Der neue Koalitionsvertrag der Bundesregierung umfasst auch eine Diabetesstrategie, macht Ihnen das Hoffnung?

Grundsätzlich ist das sehr zu begrüßen, nun muss man sehen, was daraus konkret folgt. Eine Vorreiterrolle des Staates wäre natürlich ideal, denn wenn nur Dr. Google und Dr. Apple die Daten einsammeln, diese aber nicht teilen, wird die Wissenschaft vom Datenfluss abgehängt. Die Forschung kann dann nicht mehr auf Augenhöhe mit der Wirtschaft agieren und als starker Partner  kooperieren. Gleichzeitig verliert die Politik die Sprechfähigkeit gegenüber der dann besser informierten Industrie.


Inwieweit gibt es bereits bestehende Daten, auf die man zugreifen kann?

Vor allem bei den Krankenkassen schlummern zahlreiche Daten beispielsweise aus Disease Management Programmen. Hier sind die rechtlichen Rahmenbedingungen aber zu klären.

Zudem gibt es ja auch in der Bevölkerung selbst die Tendenz zur Erfassung eigener Gesundheitsdaten. Ich denke da beispielsweise an Tracking Armbänder beziehungsweise sogenannte Wearables und verschiedene Fitness-Apps für das Smartphone. Auch konkrete Daten mit Diabetesbezug werden privat erfasst: Dank eines Sensors können Eltern bereits heute die Zuckerwerte ihrer Kinder jederzeit über eine Smartphone-App überwachen.

Viele Menschen beteiligen sich darüber hinaus an großen Kohorten wie der Kooperativen Gesundheitsforschung in der Region Augsburg (kurz KORA), der NAKO Gesundheitsstudie oder der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC-Studie), um die Entstehung von Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Demenz oder Herzinfarkten erforschen zu können. Alle diese Daten zusammenzuführen, wäre ein sehr guter Anfang.


Wie ist der aktuelle Stand?

Wir haben noch kein Geld für das Zentrum und müssen die Politik noch davon überzeugen, dass sie darin investiert. Wir rechnen mit etwa 80 Millionen Euro Kosten pro Jahr. Bei Gesundheitskosten im Diabetesbereich von über 16 Milliarden Euro jährlich wäre das sicher eine gute Investition.

Ein sinnvoller erster Einstieg wäre also ein nationales Diabetesregister mit Daten von Erkrankten und Gesunden, auf dem man dann die Idee eines digitalen DDPC aufsetzen kann. Am DZD haben wir mit dem Aufbau eines Daten- und Wissensmanagements begonnen. Ziel ist es, Daten auffindbar, zugänglich, wiederverwertbar und übergreifend nutzbar zu machen. Wir bereiten ein Pilotprojekt vor, in dem Daten aus klinischen Studien miteinander verknüpft werden. Daraus versuchen wir in einem nächsten Schritt, Schlüsse für Diagnose und Therapie abzuleiten.

Herzlichen Dank für das Interview!

Prof. Dr. Martin Hrabě de Angelis leitet das Institut für Experimentelle Genetik am Helmholtz Zentrum München sowie den gleichnamigen Lehrstuhl an der Technischen Universität München.


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