Versorgungsforschung

Wie hoch ist der Blutzucker bei Klinikpatienten?

25. Aug 2017

Das Experiment ist einfach, das Ergebnis lässt aufhorchen: Tübinger Forscherinnen und Forscher haben den Blutzuckerspiegel von Klinikpatienten gemessen. Im Fachmagazin ‚Experimental and Clinical Endocrinology & Diabetes‘ stellten sie nun die Ergebnisse der vierwöchigen Beobachtung vor.

Krankenhaus

© upixa/Fotolia

Etwa jeder Zehnte in Deutschland ist mittlerweile an Diabetes mellitus erkrankt. Dabei bricht die Krankheit jedoch selten abrupt aus, sondern bahnt sich eher langsam an und wird anfangs möglicherweise nicht erkannt. Zudem ist die Stoffwechselstörung oft mit Folgeerkrankungen verbunden, die ebenfalls behandelt werden müssen. All dies führt dazu, dass unter den Patienten im Krankenhaus der Anteil von Menschen mit Diabetes überdurchschnittlich hoch ist. Bislang gab es dazu jedoch kaum konkrete Daten.

Tübinger Forscher des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung führten daher ein einfaches Experiment durch: Sie untersuchten über einen Zeitraum von vier Wochen 3733 erwachsene Patienten des Universitätsklinikums Tübingen auf Diabetes und Prädiabetes. Dazu ermittelten die Wissenschaftler zunächst deren Langzeitblutzuckerwert (HbA1c-Wert). Lag dieser zwischen 5,7 und 6,4 Prozent, galt das definitionsgemäß als Frühstadium (Prädiabetes), ein Wert von über 6,5 Prozent als ausgebrochener (manifester) Diabetes.

Fast jeder vierte Klinikpatient von Diabetes betroffen

Dabei zeigte sich, dass fast jeder vierte Klinikpatient von Diabetes betroffen ist (22 Prozent) und nochmal ebenso viele (24 Prozent) von einer Vorstufe. Bei knapp vier Prozent war der Diabetes bisher nicht diagnostiziert worden. Hochgerechnet auf das Jahr ergäbe das allein für die Tübinger Uniklinik rund 13.000 Diabetes-Patienten, die behandelt werden müssen, so die Autoren der Studie.

Die Untersuchungen zeigten zudem, dass Patienten mit Diabetes im Schnitt etwa eineinhalb Tage länger in der Klinik behandelt werden mussten als Patienten mit der gleichen Diagnose ohne Diabetes oder Prädiabetes. Die Betroffenen hatten darüber hinaus ein höheres Risiko für Komplikationen: Bei 24 Prozent der Patienten mit Diabetes traten Komplikationen auf. Zum Vergleich: Nur 15 Prozent der Patienten ohne Diabetes waren von Komplikationen betroffen.

Was sagen diese Werte aus? Die Autoren führen an, dass sie angesichts der hohen Zahlen und der negativen Auswirkungen ein flächendeckendes Screening für Patienten über 50 für sinnvoll halten. Dadurch könnten möglicherweise Komplikationen oder verlängerte Krankenhausaufenthalte vermieden werden. Ob und gegebenenfalls wann solche Maßnahmen umgesetzt werden, lässt sich aktuell nicht abschätzen.

Quelle:
Kufeld, J.et al.: Prevalence and Distribution of Diabetes Mellitus in a Maximum Care Hospital: Urgent Need for HbA1c-Screening. In: Experimental and Clinical Endocrinology & Diabetes, 2017, DOI: 10.1055/s-0043-112653


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