Gehirn und Diabetes

Lust auf Kalorien? Insulinresistenz im Gehirn

28. Jul 2017

Das Gehirn bewertet Essensreize anders, wenn Probanden vorher ein Insulin-Nasenspray bekommen. Bei Stoffwechselgesunden senkt das Hormon die Lust auf kalorienreiche Nahrung. Bei Menschen mit einer Insulinresistenz bleibt dieser Effekt hingegen aus, berichten Hamburger Forscher in ‚Nature Communications‘.

Lust auf Kalorien? Insulinresistenz im Gehirn © fabioberti.it / fotolia

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Die Wirkung von Insulin ist von zentraler Bedeutung für den Zuckerstoffwechsel. Kann das Hormon diese Wirkung nicht mehr entfalten, obwohl es in ausreichender Menge vorhanden ist, spricht man von einer Insulinresistenz. Sie gilt als Vorläufer von Typ-2-Diabetes und wird zumeist durch Übergewicht, Bewegungsmangel und weitere Lebensstil-Faktoren ausgelöst.
In einer aktuellen Studie zeigen Forscherinnen und Forscher, dass die Insulinresistenz nicht nur die den Stoffwechsel betrifft, sondern auch die Wirkung des Hormons auf das Gehirn. Für die Studie hatten sie 48 normal- und übergewichtige Probanden jeweils morgens und entsprechend nüchtern (mindestens zehn Stunden) ins Studienzentrum bestellt.

Dort erhielten sie zunächst ein Nasenspray mit Insulin beziehungsweise mit einem Placebo. Der Vorteil am Nasenspray: das Hormon passiert die Blut-Hirn-Schranke und kann direkt im Gehirn wirken. So ist relativ sicher, dass es auch wirklich am untersuchten Wirkort, sprich dem Gehirn, ankommt. An einem weiteren Tag wurden Insulin und Placebo vertauscht, sodass alle Teilnehmer der Studie beides bekamen.
Anschließend mussten alle Teilnehmer Bilder von Lebensmitteln (zum Beispiel Schokoladenriegel) und Gegenständen (zum Beispiel Schmuck) hinsichtlich ihrer persönlichen Vorlieben bewerten. Während sie das taten, beobachteten die Forscher die Hirnaktivitäten mithilfe funktioneller Kernspintomografie (fMRT).
Dabei stellte sich heraus, dass Insulin im Gehirn von Probanden mit normaler Insulinsensitivität die Präferenz von Nahrungsmitteln deutlich reduziert und das sogenannte Belohnungssystem hemmt. Das macht durchaus Sinn, reduziert das Gehirn so doch die Aufnahme hochkalorischer Nahrungsmittel und somit die Gefahr des Überessens.

Bei Studienteilnehmern mit Insulinresistenz konnten die Wissenschaftler diesen Effekt hingegen nicht beobachten. Die Autoren schließen daraus, dass eine Insulinresistenz daher für die Ausprägung von krankhaftem Essverhalten bereits bei nicht-diabetischen, jedoch übergewichtigen Menschen von Bedeutung ist.
Den Autoren zufolge handelt es sich um die erste Arbeit, die eine direkte Wirkung von Insulin auf das neuronale Belohnungssystem im menschlichen Gehirn nachweist. In künftigen Studien wollen sie nun untersuchen, wie sich die voraussichtliche Gewichtsabnahme nach einer dreimonatigen Diät der Probanden auswirkt.

Seit einigen Jahren rückt das Gehirn stärker in den Fokus der Diabetesforschung. Im Video „Typ-2-Diabetes und Adipositas: Medizin der Zukunft“ aus unserer Reihe „Im Fokus“ erläutert Prof. Matthias Tschöp, wie die Forschung an neuen Therapien das Gehirn gezielt mit einbezieht.

Quellen:

Tiedemann, LJ et al.: Central insulin modulates food valuation via mesolimbic pathways. In: Nature Communications, 2017, DOI: 10.1038/ncomms16052

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: UKE-Wissenschaftler belegen Wirkung: Insulin verändert im Gehirn die Bewertung von Essensreizen. Pressemitteiliung vom 19. Juli 2017


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