Zweifel am Adipositas-Paradoxon

Bereits geringes Übergewicht erhöht Risiko für Herz-Kreislauferkrankung

20. Mär 2018

Übergewichtige Patienten haben bei bestimmten Erkrankungen im Vergleich zu Normalgewichtigen bessere Überlebenschancen. Diese These nennt sich das Adipositas-Paradoxon und hat schon länger Bestand. Eine schottische Studie im ‚European Heart Journal‘ zeigt jetzt allerdings: mehr Gewicht geht auch mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher - zumindest bei einer bestimmte Personengruppe.

© Kara/Fotolia

Für die Studie untersuchten die Autorinnen und Autoren durchschnittlich über fünf Jahre die Daten von insgesamt 296.535 weißen europäischen Probanden mit Blick auf Herz-Kreislauf-Komplikationen. Der Altersschnitt lag bei rund 55 Jahren und rund 58 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren weiblich. Die Zahlen stammten aus der sogenannten UK Biobank.

Anlass der Studie war die Frage, inwieweit das Körpergewicht, gemessen unter anderem als Body Mass Index (BMI), mit Herz-Kreislauf-Komplikationen bei ansonsten körperlich gesunden Menschen zusammenhängt. Die Ergebnisse waren relativ eindeutig: Je höher das Übergewicht (Adipositas) der Personen, desto höher auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Komplikationen.

Konkret bedeutete das: Bei einem BMI im Bereich zwischen 22 und 23 kg/m² war die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Komplikationen am geringsten. Bei Abweichungen nach oben, aber auch nach unten (18,5 und darunter), erhöhte sich das Risiko. Je weiter der Wert abwich, umso steiler stieg es an. Beispielsweise vergrößerte ein Anstieg um 5,2 Kilogramm bei Männern beziehungsweise 4,3 Kilogramm bei Frauen über dem BMI von 22 die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauferkrankungen um rund 13 Prozent.

Anschließend verwendeten die Wissenschaftler andere Parameter, die das Übergewicht messen sollen, darunter der Taillenumfang, das Taille-Hüft-Verhältnis, das Taille-Körpergröße-Verhältnis und der Körperfettanteil. Hier ergab sich verglichen mit dem BMI jeweils ein moderaterer Anstieg des Herz-Kreislauf-Risikos.

Zusammenfassend deutet die Studie daraufhin, dass bereits leichtes Übergewicht durchaus negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat – in der besagten gesunden Personengruppe – und zieht damit das Adipositas-Paradoxon zumindest in Zweifel. Die Autoren rufen daher dazu auf, den vermeintlichen Schutzeffekt von Übergewicht auf das kardiovaskuläre Risiko sehr kritisch zu hinterfragen.

Die verbreitete Meinung, Übergewicht sei lediglich auf mangelnde Disziplin zurückzuführen, wird dem komplexen Problem übrigens nicht gerecht. Bei der Entstehung von Übergewicht bzw. Adipositas wirken oft verschiedene Faktoren wie Überernährung, Bewegungsmangel, genetische Veranlagung sowie Psyche ungünstig zusammen.

 

Quellen:

Iliodromiti, S. et al.: The impact of confounding on the associations of different adiposity measures with the incidence of cardiovascular disease: a cohort study of 296 535 adults of white European descent. In: European Heart Journal, 2018, DOI: 10.1093/eurheartj/ehy057

Ärzte-Zeitung: Das Märchen vom Adipositas-Paradoxon. Artikel vom 16. März 2018


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