Diabetes und Depression – Das Experteninterview

19. Jul 2013

Studienergebnisse bestätigen einen Zusammenhang zwischen Diabetes und psychischen Erkrankungen. Die Diagnose Diabetes mellitus bedeutet für viele Patienten eine psychische Belastung, da die chronische Erkrankung eine lebenslange Therapie erfordert. Hinzu kommen Ängste vor Folgeerkrankungen. Umgekehrt haben auch Patienten mit einer psychischen Grunderkrankung ein erhöhtes Risiko an einem Diabetes zu erkranken. Wissenschaftler erklären dies durch psycho-biologische Signalwege, bei denen psychischer Stress in körperliche Fehlreaktionen umgesetzt wird. Der Diabetesinformationsdienst sprach mit Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Epidemiologie II des Helmholtz Zentrums München, über die wachsende Bedeutung von psychischen Erkrankungen bei Diabetikern und den Zusammenhang zwischen den beiden Erkrankungen.

Portrait-Foto, Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, Helmholtz Zentrum München

Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, Helmholtz Zentrum München

Wie beurteilen Sie den Zusammenhang Diabetes - Depression und Depression - Diabetes, welches sind die aktuellen wissenschaftlichen Erklärungsansätze hierzu?
In zahlreichen Studien wurde bislang die Assoziation beider Erkrankungen untersucht und ein deutlicher Zusammenhang nachgewiesen. Zwischen Diabetes und Depression besteht ein bidirektionaler Zusammenhang: das heißt erstens, Menschen mit einem bestehenden Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für eine Depression und zweitens, für Menschen mit einer Depression besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit später an einem Diabetes zu erkranken.
Im ersten Fall stellt die Erkrankung selbst ein belastendes Ereignis dar, das depressive Symptome verursachen kann. Zudem besteht durch eine depressive Symptomatik ein erhöhtes Risiko für diabetische Spätkomplikationen, da depressive Patienten Probleme haben, die Therapie zu befolgen. Im zweiten Fall gehen wir davon aus, dass eine Depression über verschiedene Signalwege unser hormonelles System und den Stoffwechsel verändert und so bei diesen Patienten das Risiko für Diabetes erhöht ist.

Welche anderen psychischen Erkrankungen spielen beim Diabetes eine Rolle?
Liegt bereits ein Diabetes vor, ist bislang vor allem ein erhöhtes Vorkommen von  Depression dokumentiert. Im umgekehrten Fall, also wenn der Diabetes nach der Depression auftritt, sieht es anders aus. Als Ursache für die körperlichen Folgen sehen wir in erster Linie Stress. Chronischer Stress kann bei verschiedenen Erkrankungen auftreten, so bei der Depression und bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).  Er kann aber auch durch die Lebensumstände verursacht sein, dazu zählt eine Stresskonstellation durch Belastung am Arbeitsplatz oder Dauerkonfliktsituationen im privaten Umfeld. Unabhängig von seiner Ursache kann dieser Stress unser körperliches Gleichgewicht stören und so Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, aber auch andere körperliche Folgen, z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, begünstigen.

Welche Ansätze verfolgt die Forschung, um die Versorgung und Prävention beider Erkrankungen zu verbessern?
Da wir wissen, dass beim Zusammenhang von psychischen und körperlichen Erkrankungen insbesondere Stress eine bedeutende Rolle spielt, müssen wir vor allem Stresskonditionen verbessern, das heißt Stressauslöser erkennen, behandeln und nach Möglichkeit beseitigen. Erfreulicherweise sind der Zusammenhang und die Bedeutung psychischer Begleiterkrankungen beim Diabetes bereits Gegenstand medizinischer Diskussionen. Dies hat auch schon zu Erfolgen für die Patientenversorgung geführt. So wurden diagnostische Abläufe zum Erkennen psychischer Belastung bei Diabetikern eingeführt und Leitlinien für die Behandlung erarbeitet. Wesentliche Bestandteile sind die Integration psychotherapeutischer Ansätze und die Entwicklung ganzheitlicher Therapiemodule.

Vielen Dank Herr Professor Ladwig für das Gespräch!


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