Im Gespräch mit Prof. Hellmut Mehnert (Letzter Teil)

26. Mai 2014

Mit der 49. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) begeht diese zugleich ihren 50. Geburtstag. Vor welchen Herausforderungen steht die Diabetesforschung in den nächsten 50 Jahren? Lesen Sie dazu den letzten Teil des Interviews mit Prof. Dr. Hellmut Mehnert, Gründungsmitglied der DDG

Prof. Dr. Hellmut Mehnert

Herr Prof. Mehnert, dieses Jahr lud die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) zu ihrem Jubiläumskongress - 50 Jahre DDG. Was hatten Sie sich persönlich von der Veranstaltung erwartet?

Breit aufgestellte Therapieinformationen, die klare Forderung nach Prävention und vor allem eine deutliche Forderung nach einem Diabetes-Register. In der früheren DDR gab es ein sehr gutes Register, wir verfügen dagegen heute nach wie vor über keine genauen Zahlen und arbeiten daher epidemiologisch im Dunkeln.

Zudem würde ich bewusst noch einmal die Substanzen in den Blickpunkt nehmen, die angeblich keinen Zusatznutzen haben und dies fachlich noch einmal genau beleuchten. Mein Wunsch an die Presse wäre in diesem Zusammenhang, nicht einseitig darüber zu berichten, welche Substanzen womöglich wie schaden könnten, sondern auch adäquat darzustellen, wie sie nützen, um damit ein Bild der Wirklichkeit zu erzeugen. Im Falle der eingangs erwähnten DPP4-Substanzen überwiegt bei weitem der Nutzen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft – wo sehen Sie die Diabetesforschung in 50 Jahren? Wird Diabetes dann heilbar sein?

Das ist eine schwierige Frage, man soll ja nie nie sagen…. So hatte man auch nie gedacht, dass es einmal intelligente orale Antidiabetika geben wird, die Insulin nur dann ausschütten, wenn es nötig wird. Aber durch die Genetik vorprogrammiert ist die Tatsache, dass die Betazelle in ihrer Wirkung nachlässt. Diesen Prozess kann man eigentlich nur stoppen, indem Übergewicht und Bewegungsmangel vermieden werden, aber aufheben kann man ihn nicht. 

Beim Typ-1-Diabetes könnte ich mir noch eher vorstellen, dass eine Heilung in Sicht kommt. Es müsste „nur“ gelingen, hinter das Geheimnis des Autoimmungeschehens zu kommen und zu erfahren, was der auslösende Trigger ist. 

Die künstliche Bauchspeicheldrüse wird sicher kommen, aber das ist ja auch keine Heilung, sondern ein Ersatz. Und ich darf in aller Bescheidenheit sagen, dass Ernst Friedrich Pfeifer – seine großen Verdienste in Ehren -  schon vor 40 Jahren gesagt hat, die künstliche Bauchspeicheldrüse kommt in fünf Jahren, dem war eben leider nicht so, sie ist immer noch nicht da.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für die Forschung?

Natürlich kann man den Blutzucker messen und auf ein Insulinabgabegerät übertragen, welches dann die adäquate Menge Insulin abgibt. Aber das ist der Knackpunkt – was ist die adäquate Menge? Die Insulinempfindlichkeit ist ja von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich, deshalb lässt sich kein allgemeingültiger Algorithmus finden. 

Außerdem  - wenn wir das Insulin über eine künstliche Bauchspeicheldrüse geben, dann geben wir es am falschen Ort zur falschen Zeit. Wir geben es nicht in die Pfortader, wo es eigentlich hingehören würde, damit es zu allererst in der Leber wirken kann. Bei uns wirkt es aber sofort peripher. Und zur falschen Zeit: Das Insulin wird zwar immer mit einem gewissen zeitlichen  Versatz gespritzt, dem Spritz-Ess-Abstand. Aber das ist nur eine Hilfsmöglichkeit und trifft nicht genau den richtigen Zeitpunkt, zu dem es  wirken müsste.

Welche Chancen räumen Sie der Inselzelltransplantation ein? 

Wenn es gelänge, Inseln in ausreichender Zahl zu transplantieren, was in Gießen schon gemacht wurde, dann wäre das ein Schritt in Richtung einer Heilung. Die jetzigen Befunde sind aber noch enttäuschend, weil erstens für eine Inselzelltransplantation zwei bis drei Organe benötigt werden. Zum zweiten sind die Langzeitergebnisse noch enttäuschend. Nur zehn Prozent der transplantierten Typ-1-Diabetes-Patienten konnten nach fünf Jahren immer noch ohne Insulingabe leben. Also müssten Inselzellen in ausreichender Zahl in vitro – also aus Stammzellen -  gewonnen werden. Hier hat sich bisher aber oft gezeigt, dass diese gezüchteten Inseln ihre insulinproduzierenden Eigenschaften einbüßen.

Vor 25 Jahren verabschiedeten die WHO und die Internationale Diabetes Federation die berühmte St. Vincent Deklaration. Sie forderte die Regierungen auf, das globale Diabetesproblem formal anzuerkennen und Lösungen zu suchen, um Diabetes besser zu behandeln und die Zahl  vorzeitiger Todesfälle durch Spätschäden deutlich zu reduzieren. Was ist von diesen Zielen bis heute erreicht?

Es wurde manches erreicht, diagnostisch wie auch therapeutisch. Generell sollte man meines Erachtens aber noch stärker die Prävention über Ernährung und körperliche Bewegung in den Fokus der Bemühungen stellen. Wenn das gelänge, wäre viel erreicht. Denn der Nutzen von Ernährungstherapien und körperlicher Bewegung wird immer noch unterschätzt, auch beim Typ-1-Diabetes!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Ulrike Koller, Diabetesinformationsdienst München

___________________________________________________________________

Vor Beginn des Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft am 28. Mai in Berlin hat der Diabetesinformationsdienst München mit einem der bekanntesten Gründungsmitglieder der Deutschen Diabetes Gesellschaft über die Entwicklungen in der deutschen Diabetologie der vergangenen 50 Jahre sowie Perspektiven für die Zukunft gesprochen. Einmal wöchentlich veröffentlichen wir bis zum Kongress Auszüge aus dem Gespräch mit Prof. Dr. Hellmut Mehnert.

Bisher:

Teil 1 - Entwicklungen in der deutschen Diabetologie

Teil 2 - Erfolge und Hemmnisse in der Diabetestherapie

Teil 3 - Vorstufen von Diabetes

Teil 4 - Folgeerkrankungen von Diabetes

Teil 5 - Vorbeugung


zum Seitenanfang
Druckversion

Wir verwenden Cookies um Ihnen den Besuch der Webseite so angenehm wie möglich zu machen. Wir benötigen Cookies um die Dienste ständig zu verbessern, bestimmte Features zu ermöglichen und wenn wir Dienste bzw. Inhalte Dritter einbetten, wie beispielsweise den Videoplayer. Durch die Nutzung unserer Webseite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Wir verwenden unterschiedliche Arten von Cookies. Hier haben Sie die Möglichkeit, Ihre Cookie-Einstellungen zu personalisieren:

Einstellung anzeigen.
In unserer Datenschutzerklärung finden Sie weitere Informationen.

Dort können Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern.