Diabetes und soziale Ungleichheit – Das Experteninterview

05. Mär 2013

Ein Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und dem Auftreten von Typ-2-Diabetes ist inzwischen unbestritten. In Anbetracht der steigenden Anzahl an Diabetikern und den damit verbundenen Kosten für das Gesundheitswesen stellt die Verbesserung des Gesundheitszustandes der unteren Statusgruppen eine besondere gesellschaftlicher Herausforderung dar. Der Diabetesinformationsdienst München sprach mit Dr. Andreas Mielck über soziale Ungleichheit, Diabetes und Strategien zur Verringerung dieser sozialen Unterschiede.

Foto: Dr. Andreas Mielck

Dr. Andreas Mielck

Dr. Andreas Mielck ist stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Gesundheitsökonomie am Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen des Helmholtz Zentrums München. Als Soziologe und Epidemiologe liegt sein langjähriger Arbeitsschwerpunkt im Bereich 'Soziale Ungleichheit und Gesundheit'.

Wie wirken sich sozioökonomische Unterschiede auf die gesundheitliche Versorgung und den Gesundheitszustand von Typ-2-Diabetikern aus?
Wir haben immer wieder gesehen, dass Personen mit niedriger Schulbildung und/oder niedrigem Einkommen ein besonders hohes Risiko für Typ-2-Diabetes aufweisen. Diese statistischen  Zusammenhänge aufzuzeigen ist relativ einfach. Sehr viel schwieriger zu beantworten ist dagegen die Frage nach dem 'warum?'. Bisher sind erst einige Elemente dieser komplexen kausalen Pfade aufgedeckt worden. Wir wissen, dass zentrale Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes ebenfalls sozial ungleich verteilt sind. Es ist z.B. oft gezeigt worden, dass sich Personen mit niedriger Schulbildung und/oder niedrigem Einkommen häufig besonders ungesund ernähren und dass sie besonders wenig Sport treiben. Es muss also nach den Ursachen für die soziale Ungleichheit bei Ernährung und Sport gesucht werden. Auch hier wurden bereits erste Antworten gefunden. Die bisherigen Forschungsergebnisse weisen z.B. darauf hin, dass die Angebote für sportliche Bewegung auch und gerade von den status-niedrigen Personen wenig angenommen werden, dass hier offenbar besonders hohe Hürden bestehen (z.B. hohe Kosten, lange Wegezeiten). Es wäre also wichtig, diese Hürden zu verringern.

Ist auch bei Typ-1-Diabetikern ein Zusammenhang mit dem sozioökonomischen Status zu erkennen?

Wissenschaftliche Studien zu Unterschieden bei Typ-1-Diabetes nach sozialen Faktoren wie Schulbildung und Einkommen liegen bisher kaum vor. Die Risikofaktoren für Typ-1-Diabetes unterscheiden sich erheblich von den Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes. Die sozialen Unterschiede, die bei Typ-2-Diabetes gefunden wurden, lassen sich daher nicht einfach auf  Typ-1-Diabetes übertragen.

Welche Maßnahmen zur Verringerung der sozialen Ungleichheit in der Gesellschaft werden aktuell diskutiert?
Die aktuelle politische Diskussion um den '4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung' zeigt, dass hier sehr kontroverse Standpunkte vertreten werden. Wie groß ist die Armut in Deutschland? Hat die Armut in den letzten Jahren zugenommen, und wenn ja: um wie viel? Was hat die Bundesregierung unternommen, um die Armut zu verringern, und was hätte sie zusätzlich unternehmen können (bzw. müssen)? Wie kann die Chancengleichheit im Bildungswesen verbessert werden? Im politischen Streit um Wählerstimmen sind kaum parteiübergreifende Antworten zu erwarten. In der wissenschaftlichen Diskussion besteht dagegen breiter Konsens bei Aussagen wie: Wir müssen die Chancengleichheit verbessern; wir müssen z.B. allen Kindern ein gesundes Aufwachsen ermöglichen, und zwar unabhängig vom sozialen Status oder von der Herkunft ihrer Eltern.

In welchen Bereichen sind aus Ihrer Sicht weitere Untersuchungen notwendig, um den Gesundheitszustand und das Gesundheitsverhalten von sozial benachteiligten Diabetikern zu verbessern?

Hier lassen sich drei Fragen unterscheiden: Verhalten sich Diabetiker aus unterschiedlichen sozialen Gruppen unterschiedlich gesund? Gibt es soziale Unterschiede bei der Versorgung von Diabetikern? Welche Unterschiede gibt es zwischen den sozialen Gruppen bei den gesundheitlichen Folgen von Diabetes? Alle drei Fragen werden erst seit wenigen Jahren intensiver untersucht. Bezogen auf das Gesundheitsverhalten konnte z.B. gezeigt werden, dass die Diabetiker aus der unteren Statusgruppe besonders wenig Sport treiben und besonders häufig übergewichtig sind. Bezogen auf die Versorgung wurde z.B. deutlich, dass diese Gruppe von Diabetikern besonders selten geschult wird, und dass die Zielsetzung für eine gute Blutzuckereinstellung bei ihnen besonders oft verfehlt wird. Diese Probleme zeigen sich dann auch bei den gesundheitlichen Folgen. Die Diabetiker aus der unteren Statusgruppe haben z.B. mehr Probleme mit den Füßen und sie sterben auch früher als die Diabetiker aus den höheren Statusgruppen.

Welche Untersuchungen werden aktuell im Zusammenhang mit der Thematik ‚Soziale Ungleichheit und Diabetes‘ am Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen oder in Kooperation mit anderen Institutionen durchgeführt?

Viele der oben genannten Studien wurden in unserem Institut durchgeführt. Aktuell beschäftigen wir uns vor allem mit zwei Themen. Zum einen geht es um die Frage, ob es hier auch eine soziale Ungleichheit auf regionaler Ebene gibt. Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass Typ-2-Diabetes in den ärmeren Gemeinden häufiger auftritt  als in den reicheren, und dass es ganz ähnliche regionale Unterschiede auch beim Übergewicht gibt. In einem nächsten Schritt soll daher untersucht werden, wie gut (bzw. bedarfsgerecht) die gesundheitliche Versorgung in den ärmeren bzw. reicheren Gemeinden ist. Zum anderen geht es um die Frage, wie kosten-effektiv die Maßnahmen zur Prävention von Übergewicht sind, wobei vor allem die Maßnahmen für Kinder und Jugendliche aus den unteren Statusgruppen im Mittelpunkt stehen.


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