Vorbeugung - Fragen an Prof. Dr. Andreas Fritsche

30. Dez 2013

Vorbeugen ist besser als Heilen, das gilt nicht selten auch für Diabetes. Der Diabetesinformationsdienst hat darüber mit Prof. Dr. Andreas Fritsche vom Lehrstuhl für Ernährungsmedizin und Prävention am Universitätsklinikum Tübingen gesprochen. Er leitet die Abteilung Prävention und Therapie des Diabetes mellitus am Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrums München an der Universität Tübingen und ist Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

Prof .Dr. Andreas Fritsche (Foto:privat)

Prof .Dr. Andreas Fritsche (Foto:privat)

Die Wissenschaftler sprechen immer von „Lebensstilintervention“. Welche Art der Vorbeugung oder Lebensstiländerung empfehlen Sie Gesunden, und was sollten darüber hinaus Angehörige von Risikogruppen tun, um ihr Diabetesrisiko zu senken?
Sie sprechen schon einen wichtigen Unterschied an: Prävention bei Gesunden (also echte Primärprävention) und Prävention bei Risikogruppen. Bei der Prävention bei Gesunden sollten wir von Verhältnisprävention und politischen Maßnahmen sprechen. Hier spielen Bildung, Erziehung, Zugang zu Arbeit, Freizeitangebote und gesunde Umwelt eine Rolle. Es schließt die Möglichkeit ein, selbst wieder zu Kochen, in der Gemeinschaft zu essen und von industriegefertigten Lebensmitteln wieder hin zu selbst zusammengestellten regionalen Lebensmitteln zu kommen.
Bei der Prävention in Hochrisikogruppen müssen wir erst sicher erkennen, wer zur Hochrisikogruppe gehört. In der Regel bieten wir diesen Menschen Maßnahmen „Steigerung der körperlichen Bewegung“ und „Gesunde Ernährung“ und „Reduktion der Einnahme von hochkalorischen, energiedichten Lebensmitteln“ an. Dies hat auch beachtliche Erfolge bei Risikopersonen. Aber nicht alle Risikopersonen profitieren von diesen herkömmlichen Präventionsmaßnahmen.

Eine aktuelle Untersuchung aus den USA hat nun die Effektivität solcher Lebensstilinterventionen genauer beleuchtet. Wie groß ist ihr vorbeugender Nutzen wirklich? Und ist der Nutzen bei allen Menschen gleich?
Sie meinen hier die Veröffentlichung „Lifestyle Interventions for Patients With and at Risk for Type 2 Diabetes A Systematic Review and Meta-analysis“. Solche Arbeiten halte ich für wenig hilfreich. Sie werden von einem „research librarian“ durchgeführt, also einem Bibliothekar.  Der hat in seinem Leben noch keinen Patienten gesehen oder gar behandelt. Dann werden alle Studien weltweit zu dem Thema Diabetesprävention gesammelt und vom Bibliothekar ausgewertet. Doch gerade beim Thema Lebensstil ist doch klar, dass wir es hier mit etwas sehr Individuellem zu tun haben. Studien in unterschiedlichen Kulturkreisen mit unterschiedlicher Ernährung und Lebensumständen sind schwer vergleichbar und übertragbar. Zusammengefasst: Hier wurde nicht genauer beleuchtet, sondern nur alles in einen Sack gesteckt. Wir müssen davon wegkommen, alles über einen Kamm zu scheren, sondern sollten personalisierte Prävention bei Menschen mit Hochrisiko erforschen und betreiben.

Wie sieht es bei Menschen mit Diabetes aus – können sie sich durch eine Änderung ihres Lebensstils auch vor den gefürchteten Folgeerkrankungen an Herz oder Gefäßen schützen?
Hier kann man sagen, dass man bei manifestem Diabetes mit Lebensstiländerung fast schon zu spät kommt – die Herz-Kreislauferkrankungen haben sich da schon manifestiert, und sind schwerer zurückzubilden. Die Studienlage sagt jedenfalls, dass man bei manifestem Diabetes mit Lebensstilintervention nicht so viel erreichen kann wie in der Diabetesprävention.

Sie sind Koordinator der deutschlandweiten Prädiabetes Lebensstil Interventionsstudie (PLIS), die das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung fördert. Wie viele Menschen nehmen daran teil, und was untersuchen Sie mit der Studie genau?
Es sollen insgesamt 1000 Menschen mit Prädiabetes daran teilnehmen. Sie erhalten eine ausführlichen Stoffwechseluntersuchung mit Zuckerbelastungstest zur Erfassung der Glukosetoleranz, der Insulinsekretion und der Insulinwirkung sowie eine Ganzkörper-Kernspinuntersuchung zur Messung des Leberfetts und der Körperfettverteilung. Anhand dieser Parameter können wir festlegen, ob die Teilnehmer ein sehr hohes Risiko für Diabetes und damit für ein Nicht-Ansprechen auf herkömmliche Lebensstilmaßnahmen haben. Bei den Hochrisiko-Teilnehmern vergleichen wir eine herkömmliche Lebensstilintervention mit einer intensiven Lebensstilintervention, welche doppelt so viel Beratung und doppelt so viel körperliche Bewegung durchführen soll. Die Studie wird in mehreren Zentren in ganz Deutschland durchgeführt.

Kann man sich noch für die Studie anmelden?

Ja, wir suchen noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Was sind zusammengefasst die drei wichtigsten Tipps, die Sie zur Vorbeugung von Diabetes geben können?
Man sollte rechtzeitig mit der Vorbeugung anfangen, man sollte sich im Alltag mehr bewegen und sollte sich so ernähren, dass man normalgewichtig bleibt.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Fritsche!
Das Gespräch führte Ulrike Koller, Diabetesinformationsdienst München.


Weiterführende Informationen

Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrums München

Deutsches Zentrum für Diabetesforschung

 

 


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